Gastbeitrag: Rukhl Schaechters tägliche Portion Jiddisch

Rukhl Schaechter auf ihrem YouTube-Kanal. Foto: privat

Yiddish Word of the Day ging im April 2020 auf YouTube auf Sendung. Gut ein Jahr später kann das Programm schon auf stolze 120 Folgen zurückblicken. Übersetzer und Blogger Frank Gabel hat mit Rukhl Schaechter über ihre Sendung, über die jiddische Sprache als wichtige Trägerin jüdischer Werte und über die jüngste Renaissance des Jiddischen gesprochen.

In der letzten Zeit konnten sich Jiddisch-Begeisterte über so manche gute Nachricht freuen: Die Verfilmung von Deborah Feldmans Bestseller Unorthodox – mit vielen Dialogen auf Jiddisch – ist ein Riesenerfolg auf Netflix. Gleiches gilt für die israelische Serie Shtisel, in der das Jiddische ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. J.K. Rowlings Kinderbuchklassiker Harry Potter wurde vor Kurzem ins Jiddische übertragen. YIVO, das Jiddische Wissenschaftliche Institut, bietet viele Online-Kurse zur jiddischen Sprache und Kultur an. Und auch die Folksbiene, New Yorks jiddisches Theater, wartet mit zahlreichen Online-Events auf. Kurz gesagt: Jiddisch boomt wie nie zuvor. Der perfekte Zeitpunkt also, Jiddisch zu lernen bzw. vorhandene Kenntnisse aufzufrischen.

Die YouTube-Serie Yiddish Word of the Day ist eine ausgezeichnete Adresse für alle, die sich (wieder) näher mit dem Jiddischen beschäftigen möchten. Die jiddische Ausgabe der New Yorker Zeitung The Forward – der Forverts – veröffentlicht regelmäßig ca. dreiminütige Lernvideos mit einfachen Wörtern und Wendungen auf Jiddisch. Forverts-Chefredakteurin Rukhl Schaechter erklärt das neue Vokabular auf Englisch und steuert die notwendigen kulturellen und etymologischen Infos bei.

FG: Es ist jetzt gut ein Jahr her, dass Sie die erste Folge von Yiddish Word of the Dayaufgenommen haben. Wie kam es zu dieser Video-Serie?

RS: Ein neuer Kollege beim Forward hat den Anstoß dazu gegeben. Da er sehr gerne kocht, habe ich ihm eine Aufzeichnung meiner jiddischen Kochsendung geschickt. Er war begeistert und fragte mich, warum ich nicht auch eine Lernsendung für Jiddisch mache.

Ich dachte erst nicht, dass das möglich wäre, da wir ja alle im Lockdown waren und mein Kameramann, mit dem ich bei meiner Kochsendung zusammenarbeite, nicht zu mir nach Hause kommen konnte. Im Endeffekt war die Aufnahme der Lernvideos aber ganz einfach. Ein technisch versierter Kollege half mir mit dem Einblenden des Vokabulars. Vor meiner Zeit als Journalistin hatte ich jahrelang Jiddisch unterrichtet, aber ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich das einmal in einem Online-Format machen würde.

FG: Yiddish Word of the Day ist ein großer Erfolg und erfreut sich vieler Follower in den sozialen Medien. Hätten Sie gedacht, dass die Sendung einen so großen Anklang finden würde?

RS: Ich bin schon überrascht, wie gut es läuft. Die Video-Serie gibt es jetzt seit einem guten Jahr und die Folgen wurden bereits über 600.000 mal aufgerufen. Wir produzierten die Sendung in dem Wissen, dass die Leute zu Hause festsitzen. Viele fingen an, Sprachen zu lernen, die sie schon immer lernen wollten, aber nie die Zeit dazu hatten. Viele hatten ihre Arbeit verloren. Yiddish Word of Day sollte den Leuten also auch Mut machen und sie auf andere Gedanken bringen.

FG: Das Tolle bei YWOD ist, dass für alle Jiddisch-Niveaus etwas dabei ist. Sie erläutern Grundwortschatz, gehen aber auch auf komplexere Sätze und Redewendungen ein und erklären die Herkunft der Wörter. Wie würden Sie eigentlich Ihr Zielpublikum beschreiben?

RS: Mein Zielpublikum sind alle, die sich für die jiddische Sprache interessieren. Viele junge Akademiker lernen jetzt Jiddisch. Oder junge Menschen, für die Jiddisch eine Ausdrucksform jüdischer Identität repräsentiert, in der sie sich wiedererkennen und die mit ihrer linksorientierten Haltung im Einklang steht. Persönlich meine ich, dass wir uns alle zusammen am Jiddischen erfreuen können, ganz unabhängig von unseren politischen Überzeugungen. Es ist wichtig, dass das Jiddische Jüdinnen und Juden zusammenführt.

Es sind also zum einen junge Leute, die sich meine Lernvideos ansehen, vor allem Jiddisch-Studierende. Der Workmen’s Circle zum Beispiel hat im Moment viele gut besuchte Jiddisch-Kurse. Für die Studierenden ist es natürlich eine gute Ergänzung, wenn sie in ihrem Posteingang morgens eine Jiddisch-Lektion von mir finden, die sie in ihrem regulären Kurs so noch nicht besprochen haben. So erhalten sie ergänzenden Input von einer Muttersprachlerin, was natürlich auch wichtig ist.

Zum anderen haben viele meiner Zuschauerinnen und Zuschauer in ihrer Kindheit Jiddisch gehört. Sie sind Kinder von Holocaust-Überlebenden und haben ihr Leben in den USA oder Israel verbracht. Das Jiddische haben sie nach und nach ganz vergessen. Mittlerweile sind sie in ihren Sechzigern oder Siebzigern und erinnern sich auf einmal wieder an die Sprache ihrer Eltern oder Großeltern. Für sie ist es etwas ganz Besonderes, mit Wörtern und Ausdrücken konfrontiert zu werden, die sie fünfzig Jahre nicht mehr gehört haben.

FG: In YWOD zeigen Sie, dass Jiddisch Spaß macht, aber auch, dass es eine überaus vielseitige und reichhaltige Sprache ist.

RS: Richtig. In den USA denken viele, dass das Jiddische keine richtige Sprache ist, dass es keine Grammatik hat und nur aus einer Menge Flüchen besteht. Diese Haltung hat mich immer geärgert. Aber dann wurde mir klar, dass die Leute es einfach nicht besser wissen. Ein Beweggrund für die Serie Yiddish Word of the Day ist also auch, die Leute eines Besseren zu belehren und ihnen zu zeigen, dass das Jiddische ebenso eine Sprache voller wunderbarer Redensarten und Lebensweisheiten ist.

Ich teile gerne Wendungen, denen ein gewisses Aha-Erlebnis innewohnt, wie z. B. „Schade, dass die Braut zu hübsch ist“ (A khisorn: di kale iz tsu sheyn). Dieser Spruch wird verwendet, wenn sich jemand über etwas beschwert, über das er eigentlich glücklich sein sollte. Wenn man die Wendung zum ersten Mal hört, versteht man sie vielleicht nicht ganz. Man muss erst einen Moment darüber nachsinnen. Wie kann eine Braut zu schön sein? Mich reizt dieser Aha-Moment.

Redewendungen wie diese sind feinsinnig – eine ganz andere Kategorie also als Ausdrücke wie etwa Gey kakn oyfn yam oder shmuk, die viele Leute kennen. Solche Ausdrücke gelten im Jiddischen als sehr vulgär und würden keinesfalls in einem alltäglichen Gespräch verwendet oder gar – was man teilweise auch sieht – in einem Nachrichtenartikel in der Überschrift abgedruckt. Dos past nisht.

FG: Es sind aufregende Zeiten für alle, die sich auf das Abenteuer Jiddischlernen einlassen. Denn es gibt ein wahres Füllhorn an Angeboten und spannenden Entwicklungen: das kürzlich erschienene, zweibändige Lehrbuch In eynem, ein Kurs auf Duolingo, viele populäre TV-Serien usw. Durchleben wir gerade eine Renaissance des Jiddischen?

RS: Ja, endlich! Das ist längst überfällig!

Die sechziger, siebziger und sogar die achtziger Jahre waren in dieser Hinsicht ernüchternd. Das Interesse am Jiddischen war damals sehr überschaubar. Die ältere Generation, die die Sprache noch beherrschte, starb nach und nach. Und deren Kinder interessierten sich nicht für Jiddisch. Sie meinten, die Sprache hätte keine Zukunft. Max Weinreich, Uriel Weinreich und mein Vater, Mordkhe Schaechter, und viele andere Jiddisch-Lehrer arbeiteten unermüdlich, um die jungen Leute zu einem Studium der Sprache zu bewegen. Aber damals dachte man nicht daran, dass für die Lernenden das Jiddische tatsächlich ein Teil ihrer jüdischen Identität werden könnte. Das kam erst später.

Heute ist es so, dass die Leute bereit sind, zurück in die Vergangenheit zu blicken und eine Korrektur vorzunehmen. Auf Jiddisch nennen wir das ein „tikn“. Es geht um eine Korrektur, die auf moralischer Ebene erfolgen muss. Dieses tikn müssen wir alle machen. Wir müssen zu dem zurückkehren, was wir vor dem Holocaust hatten. Wir müssen mehr darüber lernen, wie das alltägliche Leben damals aussah, welche Literatur geschaffen wurde usw. Indem wir uns damit befassen, ehren wir das Andenken unserer Vorfahren. Es ist eine Form des Erinnerns, die über das Anzünden einer Jahrzeit-Kerze hinausgeht, denn sie integriert die alte Kultur in unser modernes Leben und lässt sie dadurch neu aufleben.

FG: Ein sehr schönes Schlusswort. Vielen Dank!

Abschließend möchte ich aber doch noch die Frage nachschieben, ob wir uns weiterhin auf neue Folgen von Yiddish Word of the Day freuen dürfen?

RS: Ja, sicher. Wenn ein Hoher Feiertag ansteht, etwas Besonderes in den Nachrichten vorkommt, oder eine neue Jahreszeit beginnt, werden wir Folgen mit dem passenden Vokabular dazu aufnehmen. Vorläufig habe ich noch mehr als genug Ideen.

Auf der Website des Forward ist eine alphabetische Liste mit den einzelnen Folgen von Yiddish Word of the Day abgelegt — von „A“ wie „Anger“ bis „Z“ wie „zaftik“; an gleicher Stelle findet man auch die vollständige Playlist mit sämtlichen 120 Folgen.

Von Frank Gabel

Das Interview in voller Länge und weitere Artikel rund um das Jiddische finden Sie hier.

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