#PostAus – Der jüdische Friedhof von Augsburg-Kriegshaber

Grabmale auf dem Jüdischen Friedhof Kriegshaber, links: Grabstein von Wolf Wertheimer, Foto: © JMAS; rechts: Grabstein des Simon ben Sanwil Ulmo (1645-1720), Landesvorsteher der Juden in Medinat Schwaben, mit Ulmo-Wappen Foto: © JMAS

Mit über 400 erhaltenen Grabsteinen gehört der Jüdische Friedhof Kriegshaber zu den bedeutendsten jüdischen Begräbnisstätten in Bayerisch-Schwaben. Bis 1816 bestatteten auch die Münchner Jüdinnen und Juden ihre Verstorbenen hier.

Mitten in einer ruhigen Wohngegend am westlichen Rand Augsburgs liegt der 400 Jahre alte Jüdische Friedhof Kriegshaber. Er wurde 1627 von den jüdischen Gemeinden der damals selbständigen Orte Kriegshaber, Pfersee und Steppach auf einem freien Feld an der Grenze zur Reichsstadt Augsburg angelegt. Nachdem die jüdische Gemeinde Augsburgs 1438/40 vertrieben worden war, siedelten sich Jüdinnen und Juden erst wieder seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert in der Gegend an. Da ihnen das ständige Wohnrecht in der Reichsstadt verwehrt blieb, gründeten sie ihre Gemeinden entlang der Handelswege nach Augsburg – so auch in Kriegshaber. Ausgehend von einigen wenigen Familien entwickelte sich hier seit dem 17. Jahrhundert eine ansehnliche jüdische Landgemeinde, die um 1730 mit 400 Mitgliedern die Mehrheit der Bewohner*innen stellte. Sie verfügte über alle notwendigen Kulteinrichtungen, zu denen auch der Friedhof zählte.

Mit über 400 erhaltenen Grabsteinen gehört der Jüdische Friedhof Kriegshaber zu den bedeutendsten jüdischen Begräbnisstätten in Bayerisch-Schwaben. Bis 1816 bestatteten auch die Münchner Jüdinnen und Juden ihre Verstorbenen hier, darunter auch prominente Persönlichkeiten wie der Kaufmann Wolf Wertheimer (1681–1765), der als sogenannter Hoffaktor im Dienst der bayerischen Kurfürsten stand. Eine weitere Besonderheit bilden die Grabmäler der schwäbischen Familie Ulmo-Günzburg, die – mit einem eigenen Wappen versehen – vom Selbstverständnis einer der vornehmsten jüdischen Familien Süddeutschlands zeugen. Neben den oft prachtvollen Grabsteinen hat sich auch eine einfache Grabstele aus Holz erhalten, die für den 1805 vermutlich ermordeten Mordechai aus Kassel gesetzt wurde und in der temporären Ausstellung des Jüdischen Museums München „Im Labyrinth der Zeiten“ zu bewundern ist.

Hölzerne Grabstele vom Jüdischen Friedhof Kriegshaber in der Ausstellung „Im Labyrinth der Zeiten. Mit Mordechai W. Bernstein durch 1700 Jahre deutsch-jüdische Geschichte“ im Jüdischen Museum München, Foto: Eva Jünger ©JMM

Eine weitere Rarität bildet ein Gefäß zur rituellen Reinigung der Hände nach dem Besuch des Friedhofs, welches sich heute in der Sammlung des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben befindet. Das kupferne Wasserfass wurde 1735/36 in Augsburg hergestellt, wovon die hebräische Inschrift „Angefertigt im Jahre 496 nach der kleinen Zeitrechnung“ zeugt. Der Hersteller des Gefäßes ist nicht bekannt. Möglicherweise haben Hoffaktoren aus den jüdischen Gemeinden Kriegshaber und Pfersee die Finanzierung des hochwertig gearbeiteten Wasserfasses ermöglicht. Mit seinen sechs Wasserhähnen diente es der in der Tora vorgeschriebenen rituellen Handwaschung (hebräisch „Netilat Jadajim“) beim Verlassen des jüdischen Friedhofes. Das Besondere an diesem Gefäß ist die Möglichkeit seiner mobilen Nutzung. Auf vielen anderen jüdischen Friedhöfen gibt es für die rituelle Waschung fest installierte Brunnen. In Kriegshaber fehlte aber offenbar fließendes Gewässer, weshalb es erforderlich war, das Wasserfass zu transportieren. Seine Form erinnert daran, dass dem Brauch nach, in Erinnerung an den wundertätigen Propheten Elischa, „der Elija Wasser über die Hände gegossen hat“, das Wasser aus einem krugähnlichen Behälter gespendet wird.

Wasserfass zur rituellen Handreinigung vom Jüdischen Friedhof Kriegshaber, JKM 2004-29 Foto: Franz Kimmel © JMAS

Noch in den 1920er Jahren stand das Wasserfass auf dem Friedhof in Kriegshaber: Ein Foto zeigt es auf einem kleinen Schemel neben den Gräbern. Als Mordechai W. Bernstein 1948/49 den Friedhof besuchte, fand er das Gefäß, von dem er fasziniert war, im Wächter- und Leichenhaus vor. Die letzte Beerdigung fand kurze Zeit danach – im Jahre 1951 – statt, es ist jedoch unwahrscheinlich, dass das Wasserfass damals noch genutzt wurde. 1985 kam es unter bisher unbekannten Umständen in den Besitz des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben und kann dort in der Dauerausstellung besichtigt werden.

Der Jüdische Friedhof Kriegshaber steht seit den späten 1980er Jahren unter Denkmalschutz.

Souzana Hazan, Magdalena Paschke (JMAS)

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