Ein Zeugnis der Verbundenheit

Babette Eberhards Arbeitszeugnis, ausgestellt am 1. Februar 1939 durch Alice Klauber, Foto: © JMM

Die Haushälterin Babette Eberhard blieb bis zur Emigration der Familie Klauber 1939 in deren Haushalt. Eine Entscheidung, die nicht viele Hausangestellte trafen, wenn ihre Arbeitgeber aufgrund ihrer jüdischer Herkunft verfolgt wurden. Ein Arbeitszeugnis und persönliche Erinnerungen auf beiden Seiten des Atlantiks dokumentieren ein besonderes Verhältnis.

Kurz vor ihrer Flucht aus Deutschland im Februar 1939 stellte Alice Klauber ihrer Hausangestellten Babette Eberhard ein Zeugnis aus. Babette habe den Haushalt der Klaubers „stets wie ihren eigenen betrachtet“, heißt es darin und weiter: „[Uns] fällt uns der Abschied von unserer treuen Hausgenossin außerordentlich schwer. Unser Wunsch war, sie auf Grund ihrer charakterlichen und anderen Fähigkeiten mit uns auswandern zu lassen […]“ Über Frankreich gelangen die Klaubers im November auf einem der letzten Schiffe in die USA. Babette bleibt in München. Mit nach Amerika – dazu kann sie sich nicht entschließen.

Babette Eberhard arbeitete seit 1931 im Haushalt der Familie Klauber in der Wilhelmstraße 21 in München Schwabing. Wie ein großer Teil des städtischen Hauspersonals stammte sie vom Land. 1893 im schwäbischen Zusmarshausen als siebtes von vierzehn Kindern einer katholischen Familie geboren, ging sie früh als „Hausmädchen“ in Stellung. Als Siebzehnjährige kam sie nach München, zunächst um Näherin zu werden. Sie arbeitete als Hausangestellte, Köchin und Kindermädchen in verschiedenen Münchner Haushalten, unter anderem für den Regisseur an der Münchner Staatsoper Kurt Barré. Im September 1931 wechselte sie in den Haushalt von Alice und Ernst Klauber. Alice Klauber, die gemeinsam mit ihrem Mann die Wäschefabrik „Rosa Klauber“ leitete, schrieb: „Sie kam ursprünglich als Köchin zu uns, da wir, als unser Junge noch klein war, ein Zweitmädchen hatten. Sie ist in der einfachen und feinen Küche vollkommen perfekt und ich habe ihr, auf Grund ihrer außergewöhnlichen Tüchtigkeit die Führung des kompletten Haushalts als Alleinmädchen übertragen. Nachdem ich den ganzen Tag geschäftlich tätig war, hatte sie mehr den Posten einer Haushälterin.“

Babette Eberhard (1. Reihe, rechts außen) bei der Goldenen Hochzeit ihrer Eltern, 1932, Foto: privat

m 11. März 1933 wird Babette Eberhard Zeugin eines brutalen Überfalls auf den Bruder ihres Arbeitgebers, der ebenfalls in der Wilhelmstraße 21 lebt: Spätabends dringen vier uniformierte SA-Männer in Ludwig Klaubers Wohnung ein und schlagen ihn zusammen. Ludwig Klauber trägt schwere Kopfverletzungen und lebenslange psychische Folgen davon. Babette Eberhard muss bereits zu diesem frühen Zeitpunkt ahnen, dass sie als Angestellte im Haushalt der Familie Klauber auch selbst Anfeindungen ausgesetzt sein würde. Dennoch bleibt sie.

Im September 1935 verabschiedeten die Nationalsozialisten die sogenannten Nürnberger Rassengesetze, die eine Unterscheidung zwischen „Ariern“ und „Juden“ in die deutsche Gesetzgebung einführten. Die Gesetze umfassten zahlreiche Verbote, die nahezu alle Lebensbereiche berührten, darunter auch die Beschäftigung von Hausangestellten. Der Zuschreibung nach „jüdische“ Arbeitgeber durften nicht länger „arische“ weibliche Hausangestellte unter 45 Jahren beschäftigen. In der jüdischen Presse entbrannte eine Debatte darum, wie die schätzungsweise 30.000 betroffenen Stellen ersetzt werden können; über Wochen wird über das „Hausangestelltenproblem“ berichtet, das für viele der von den Nürnberger Gesetzen Betroffenen einen ersten spürbaren Einschnitt in ihren Alltag bedeutet.

Babette Eberhard fiel bei Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze gerade über die festgelegte Altersgrenze und durfte im Haushalt der Familie Klauber bleiben. „Ich denke, es stand für sie auch nie zur Debatte, die Familie zu verlassen,“ vermutet ihre Großnichte. Babette verließ die Familie auch nicht als sich deren private und wirtschaftliche Situation verschlechterte. Im Sommer 1938 mussten die Klaubers ihr Geschäft am Marienplatz schließen, im Herbst folgte die „Arisierung“ der Wäschefabrik und des Spitzenhauses in der Theatinerstraße. Erst als Alice und Ernst Klauber im Februar 1939 mit ihrem damals achtjährigen Sohn München verließen, trennten sich ihre Wege. Babette Eberhard blieb in der Wilhelmstraße 21, wo sie in den Hausstand einer in München lebenden Wienerin wechselte. Dort blieb sie bis zu ihrem Lebensende im Januar 1970.

Nach Kriegsende kam es aber zu einem unerwarteten Wiedersehen, von dem Babette Eberhards Großnichte berichtet: „Als 1945 die Amerikaner in München einzogen, war auch ein GI namens Klauber darunter. Der Sohn des Hauses hieß nun Roger. Er suchte in München nach Babette Eberhard und machte sie in der Wilhelmstraße ausfindig. Als sie die Tür eines Tages öffnete, fiel ihr ein junger Mann in US-Uniform um den Hals, glücklich Babette wiedergefunden zu haben. In der Folge bekam das ‚Fräulein Babette Eberhard‘ über die Jahre immer wieder Pakete aus den USA von Klauber Brothers mit edler Wäsche geschickt, darunter soll auch mal ein Pettycoat gewesen sein. Da dies für das in die Jahre gekommene ‚Fräulein‘ natürlich viel zu jugendlich war, kam meine Mutter damals in den Genuss solcher ‚Schätze‘.“

Babette Eberhard (links) mit ihrer jüngeren Schwester, Mitte/Ende der 1960er Jahre, Foto: privat

Auch in New York erinnert man sich noch heute an „Fräulein Babette“. Roger Klaubers Sohn berichtet von Erzählungen über die pflichtbewusste und treue Hausangestellte und davon, wie sein Vater noch Jahrzehnte nach seiner Emigration von Babettes typisch bayerischen Süßspeisen schwärmte.

In den Erinnerungen vieler Emigrant*innen lassen sich ähnliche Episoden finden. Nicht-jüdische Hausangestellte, die nach Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze bei ihren als Juden verfolgten Arbeitgebern blieben, mitunter sogar bei deren Emigration halfen, bilden darin oft einen letzten positiven Bezug zur ehemaligen Heimat. Auch die Geschichte Kurt Landauers und Maria Baumanns ist ein Zeugnis dafür: Wie Babette Eberhard blieb auch Maria Baumann nach 1935 in Landauers Haushalt. Als Landauer im November 1938 in das Konzentrationslager Dachau inhaftiert wurde, stellte sie für ihn einen Antrag für ein amerikanisches Visum. Nachdem Landauer mit Hilfe der Familie Klauber in die Schweiz emigrieren konnte, blieb Maria in München und unterstützte Landauers Geschwister bis zu deren Deportation. In seinen Briefen dankt Landauer Maria Baumann für ihre große Menschlichkeit. Über ähnliche Beispiele berichtet Kirsten Serup-Bilfeldt in ihrem Artikel „Ein Denkmal für unsere Marie“.

Wir danken herzlich Barbara Just für die Schenkung des Arbeitszeugnisses Babette Eberhards an das Jüdische Museum München und für das Gespräch. In der Ausstellung „Spitzenhaus Rosa Klauber“, die derzeit im Studienraum zu sehen ist, erfahren Sie mehr zur Geschichte der Familie Klauber und deren Unternehmen.

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