Jiddisch heute: Mehr als Klezmer und Anatevka – Interview mit Dr. Evita Wiecki

Jiddisch-Unterricht im Jahr 2021: Per Video erklärt Dr. Evita Wiecki ihren Studierenden das Alef-
Beys, Foto: privat

Nach der Schoa sah es für Viele so aus als hätte das Jiddische keine Zukunft. Heute wird Jiddisch an Universitäten weltweit unterrichtet. Dr. Evita Wiecki ist Lektorin für Jiddisch an der Abteilung für Jüdische Geschichte und Kultur am Historischen Seminar der LMU München. Seit 25 Jahren lehrt sie Jiddisch und forscht zur jüdischen Kulturgeschichte. Wir haben mit ihr über die jiddische Kultur- und Wissenschaftslandschaft in der Nachkriegszeit und heute gesprochen.

JMM: Von 1952 bis 1962 lebte und arbeitete Mordechai W. Bernstein, der Protagonist unserer aktuellen Wechselausstellung, als Lehrer, Publizist und Bibliothekar des YIVO (Jüdisches Wissenschaftliches Institut) in Buenos Aires. In dieser Zeit verfasste er acht Bücher auf Jiddisch – eine Sprache, an deren Zukunft Viele nach der Schoa nicht mehr glaubten. In Dos iz geven nusekh ashkenaz (Das war die Epoche von Aschkenas, Buenos Aires 1960) macht er eine überraschend positive Prognose für die Zukunft des Jiddischen. Wie kam es dazu?

EW: Das hat vielleicht damit zu tun, dass Bernstein ein recht optimistischer Mensch war. Wir haben aus der gleichen Zeit Texte von jiddischen Schriftstellern und Poeten wie Yankev Glatshteyn, der sehr damit hadert, dass er kein echtes Publikum mehr hat. Es ist nicht so, dass alle, die sich zu diesem Zeitpunkt mit Jiddisch beschäftigen, Bernsteins Einschätzung teilen. Aber es ist gut nachvollziehbar, warum er diese Einstellung hat – und vielleicht auch haben will. Argentinien ist bis Ende der 60er Jahre ein wichtiges jiddisches Zentrum. Es gibt zu dieser Zeit Schulen, in denen vormittags auf Jiddisch und nachmittags auf Spanisch unterrichtet wird. Bis 1968 gibt es in Buenos Aires ein Lehrerseminar, an dem Jiddischlehrer ausgebildet werden, und natürlich auch Theater, Presse, Verlage. Es ist die Zeit, in der dort wichtige Publikationsreihen wie „Dos poylishe yidntum“ oder die „Musterverk fun der yidisher literatur“ publiziert werden. Außerdem ist Bernstein weiterhin in die Strukturen des YIVO (www.yivo.org) eingebunden. Er hat Kontakt nach New York zu Max Weinreich, und zu Kollegen, die er schon aus Wilna kannte. In diesem Umfeld bewegt sich Bernstein. Er weiß zwar, dass der osteuropäische jüdische Kulturraum zerstört ist, dass das Leben, das er in seiner Jugend vor dem Holocaust kennengelernt hat, nicht mehr existiert, aber trotzdem lebt er zu diesem Zeitpunkt in einer Umgebung, in der das Jiddische lebendig ist. Buenos Aires ist bis heute ein spannender Ort, um sich mit Jiddisch zu beschäftigen.

JMM: Lag Bernstein also mit seiner Prognose richtig? Wie lebendig ist Jiddisch heute?

EW: Im Moment stößt das Jiddische wieder auf ein größeres Interesse. Seit Beginn der Pandemie habe ich an der LMU drei Ferien-Intensivkurse mit insgesamt über 60 Studierenden gehalten. Für eine deutsche Uni ist das unglaublich. Zuletzt gab es so großes Interesse in den 90er Jahren, als die Klezmer-Musik sehr populär war. Die aktuelle Welle hat sicherlich auch mit der Popkultur zu tun: Die Serie Unorthodox hat sehr viele Menschen fasziniert und auch auf das Jiddische gebracht. Auch Shtisel schauen sich viele an, die bereits Interesse für jüdische Themen haben. In meinem letzten Kurs hatte ich Teilnehmer, die Hebräisch gelernt haben und überhaupt erst durch diese beiden Serien auf die Idee gekommen sind, dass Jiddisch eben auch eine Kultursprache ist.

JMM: Was bewegt Studierende heute dazu, Jiddisch als Fremdsprache zu lernen?

EW: Es gibt die Gruppe, die sich bereits für jüdische Themen interessiert. Daneben sind die Beweggründe meiner Studierenden sehr unterschiedlich: Es gibt Mediävisten, die sich mit früheren deutschen Sprachstufen beschäftigen. Da ist der Vergleich mit Jiddisch interessant, weil das Jiddische durch die Verpflanzung in den Osten Sprachstrukturen konserviert hat, die im Deutschen verschwunden sind. Oder Slawisten, die völlig fasziniert sind von dem im Jiddischen so gut sichtbaren Sprachkontakt zwischen einer zu großen Teilen deutschen Sprache mit hebräischer Komponente und den slawischen Sprachen. Und natürlich gibt es Literatur-, Theater-, Musikwissenschaftler, die meist durch Zufall auf das Jiddische stoßen. Immer wieder gibt es auch Teilnehmer und Teilnehmerinnen, deren Motivation in der eigenen Familiengeschichte liegt, insbesondere Studierende, deren Eltern in den 90er Jahren aus der Sowjetunion gekommen sind.

JMM: An den Universitäten ist Jiddisch also längst angekommen. Wie sieht es abseits davon aus?

EW: Wir dürfen nicht vergessen, dass es viele Menschen auf der Welt gibt, die Jiddisch in ihrem Alltag sprechen, nämlich die chassidischen Juden. Es gibt in der großen und sehr diversen Gruppe der Orthodoxen durchaus Gruppierungen, die das Jiddische pflegen, die sich für Bildung auf Jiddisch einsetzen, die auch gewisse Standardisierungen zulassen. Und wir haben mittlerweile auch Schriftsteller und Schauspieler, die aus dieser Welt kommend in eine weltliche Welt gegangen sind, und das Jiddische mitgebracht haben. Deborah Feldman ist mit Unorthodox nur ein Beispiel dafür. Die Hoffnung, dass Jiddisch noch einmal eine große Sprache des jüdischen Alltags wird, halte ich aber für illusorisch. Abseits der Academia und der Orthodoxie gibt es kleine Gruppen, die sich zusammentun und gemeinsam das Jiddische pflegen. Das sind natürlich gewissermaßen Kunstgebilde.

JMM: Wie lautet deine Prognose für die Zukunft des Jiddischen?

EW: Ich glaube, wir sind an einem sehr spannenden Punkt, was Jiddisch anbetrifft. Wir sind auf dem Weg, Jiddisch sehr breit als eine ernst zu nehmende Sprache wahrzunehmen. Ich unterrichte Jiddisch seit 25 Jahren. In dieser Zeit habe ich Jiddisch oft verteidigen müssen und beweisen müssen, dass Jiddisch eine echte Kultursprache ist. Ich erinnere mich, als ich einmal mit jemandem über Marc Chagall gesprochen habe und sagte: Die Muttersprache von Chagall war Jiddisch und das sieht man in den Bildern. Das konnte sich damals keiner vorstellen. Mittlerweile haben wir Forschung dazu, die zeigt wie gerne Chagall jiddische Sprichwörter und Redewendungen in Bilder übertragen hat. Mich erfüllt es mit großer Freude und mit Optimismus zu sehen, dass Jiddisch nach und nach anders wahrgenommen wird. In all den Jahren meiner Tätigkeit war es mir extrem wichtig, diese Fülle der Sprache, gerade des künstlerischen Schaffens auf Jiddisch, zu vermitteln. Die Phase, in der Jiddisch in der deutschen Wahrnehmung nur diese niedliche Sprache der Klezmer-Musik und aus Anatevka ist, scheint überwunden.


Terminhinweis: Scholem-Alejchem-Vortrag 2021
Seit 2011 veranstalten der Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur der LMU gemeinsam mit dem Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern jährlich zu Ehren des bekanntesten jiddischen Schriftstellers Scholem Alejchem einen wissenschaftlichen Vortrag auf Jiddisch.

Am 28. April spricht Dr. Diego Rotman, Leiter des Departments für Theaterwissenschaften an der Hebräischen Universität in Jerusalem, über die jiddischen Schauspieler und Satiriker Shimon Dzigan (1905-1980) und Izrael Shumacher (1908-1961). Informationen zur Anmeldung finden Sie auf der Website des Lehrstuhls für jüdische Geschichte und Kultur.

Hinterlasse eine Antwort

*