Gabriella Rosenthal und die drusische Kultur. Oder: Was es mit dem Esel auf sich hat.

Gabriella Rosenthal, „Wasserfarben“, Federzeichnung, Akko, um 1958; Foto: Franz Kimmel, © privat.

Die Wahl eines Leitbilds für die Ausstellung „Von der Isar nach Jerusalem – Gabriella Rosenthal (1913-1975) – Zeichnungen“ ist uns nicht leicht gefallen. Warum also ist es gerade diese Zeichnung geworden? Sicher, der niedliche Esel wäre schon Grund genug sich für dieses Bild als Leitmotiv zu entscheiden. Aber ein bisschen mehr steckt doch noch dahinter.

Auswanderung nach Palästina, Zeichnerin für verschiedene Zeitungen, Produktion von Flugblättern, Arbeit in der Zensurbehörde und als Touristenführerin. Gabriella Rosenthal hatte schon einiges erlebt, als sie sich in den 50er Jahren entschloss, ihr zeichnerisches Können an die nächste Generation weiterzugeben. Zunächst gab sie Unterricht in berufsbildenden Schulen für Mädchen und an Privatschulen. Doch nach einiger Zeit begann sie auch an arabischen und drusischen Schulen zu unterrichten. 

Besondere Freude drückt sie in ihren Briefen für ihre Arbeit in drusischen Gemeinschaften aus. Hier suchte sie nicht nur den Kontakt mit den Kindern, sondern baute auch zu den Frauen in den Dörfern eine enge Beziehung auf. 

Gabriella Rosenthal entwickelte eine wahre Begeisterung für das Drusentum und verfügte über ein umfassendes Wissen zu drusischer Geschichte und Kultur.

Die Wurzeln des Drusentums liegen im 11. Jahrhundert in Ägypten. Zu dieser Zeit spaltete es sich von anderen Strömungen des Islam ab, in der Überzeugung der Kalif al-Hākim bi-Amr Allāh (985-1021) sei die Inkarnation Gottes gewesen. Während andere islamische Strömungen weiter auf den mahdī, den Messias, warteten, war er für die drusischen Gemeinden also bereits erschienen. 

Darüber hinaus wurde die drusische Lehre stark vom Mystizismus und griechischer Philosophie beeinflusst. Die drusische Gemeinde identifiziert sich vor allem über ethische Prinzipien, mehr noch als über ihren Glauben. Die Glaubenslehren sind Außenstehenden nicht zugänglich, ebenso wenig einem Großteil der drusischen Gemeinde selbst. Nur ein kleiner Kreis Eingeweihter beschäftigt sich mit dem religiösen Kern der Gruppierung.

Gabriella Rosenthal nutzte die Gelegenheit ihres Unterrichts in den drusischen Dörfern, um ihr theoretisches Wissen mit praktischen Erfahrungen zu ergänzen. 1958 ergab sich dann die Gelegenheit dieses Wissen weiterzugeben: Bei einer Ausstellung zu den galiläischen Minderheiten in Akko war Gabriella Rosenthal für die drusische Abteilung zuständig.

Was hat das nun alles mit dem Leitbild der Ausstellung „Von der Isar nach Jerusalem – Gabriella Rosenthal (1913-1975) – Zeichnungen“ zu tun? 

In der ersten Zeile der Zeichnung steht in hebräischen Lettern „Ta‘arucha Gabriella Rosenthal“. „Ta‘arucha“ bedeutet „Ausstellung“. Daher ist davon auszugehen, dass es sich um ein Plakat handelt, mit dem Gabriella Rosenthal für den drusischen Teil der Ausstellung, den sie betreute, geworben hat. Das würde auch erklären, warum überhaupt ein Esel abgebildet wurde. Als Reittier waren Esel vor allem in ländlichen Gegenden beliebt, sodass hier ein Verweis auf die drusischen Dörfern enthalten sein könnte.

Nun wirbt die Zeichnung also erneut für eine Ausstellung – über 60 Jahre später – dieses Mal aber über Gabriella Rosenthal selbst.

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