Die Frage der Religion: Gabriella Rosenthals Megillat Esther

Gabriella Rosenthal, Esther-Rolle, Verlag E.J. Herzfelder, Ansicht in der Ausstellung im Jüdischen Museum München, © S. Zolschein, Tel Aviv, 1951.

Eine der längeren Vitrinen in der Sonderausstellung „Von der Isar nach Jerusalem – Gabriella Rosenthal (1913-1975) – Zeichnungen“ präsentiert die 1951 von Gabriella Rosenthal illustrierte Esther-Rolle. Doch was hat es damit auf sich?

Die Illustration der Megillat (hebr. für „Rolle“, Pl. Megillot) Esther sticht aus dem übrigen Werk Gabriella Rosenthals heraus, da es sich hierbei um eine von zwei künstlerischen Arbeiten handelt, die eng mit einem religiösen Kontext verbunden sind. Als Megillot bezeichnet man die fünf Texte, die in den meisten jüdischen Gemeinden in der Synagoge nicht in Codex-, sondern in Rollenform gelesen und von Festen begleitet werden. Eine dieser Megillot ist das Buch Esther, von der alle Gläubigen im Idealfall auch ein eigenes Exemplar besitzen. Gerade in diesem privaten Bereich entwickelten sich seit dem 16. Jahrhundert auch illustrierte Esther-Rollen. Das Buch Esther verhandelt die Geschichte der persischen Juden und ihre Rettung vor ihrem Gegner Haman durch die Königin Esther.

Gabriella Rosenthal, Ausschnitt aus der Esther-Rolle, Verlag E.J. Herzfelder. Hier abgebildet sieht man Menschen, die Purim feiern. © S. Zolschein, Tel Aviv 1951.

Die Rettung und die Selbstbehauptung der persischen Juden wird bis heute in den meisten jüdischen Gemeinden gefeiert. An Purim wird die Megillat Esther vorgelesen oder nachgespielt, die Kinder verkleiden sich und es gibt besondere Speisen, beispielsweise die sogenannten Hamantaschen.

Die Esther-Erzählung wird seit Jahrhunderten von vielen jüdischen Gemeinden immer wieder in den Kontext des aktuellen Zeitgeschehens gesetzt und neu interpretiert. Das erklärt vielleicht auch, weshalb Gabriella Rosenthal sich diesem Thema hinwendete. Ihre künstlerisch ausgestaltete Esther-Rolle versah sie mit zeitgenössischen Gesichtern ihrer unmittelbaren Umgebung, sie ist somit neben ihrem rituell-religiösen Inhalt, auch ein künstlerisches Zeugnis der damaligen Gesellschaft des jungen Landes Israel.

Gabriella Rosenthal, Ausschnitt aus der Esther-Rolle. Oben abgebildet: Ahasveros mit Vertretern der Jewish Agency. Unten abgebildet: Königin Vashti mit Frauen, darunter Marianne Majikas. © S. Zolschein, Tel Aviv 1951.

1951 entschloss sich Gabriella Rosenthal zur Illustration dieser Rolle. Wie bereits erwähnt, ist der religiöse Kontext, in dem das Buch Esther steht, für das Werk Gabriella Rosenthals eher ungewöhnlich. Zwar zeichnet sie durchaus Menschen, die einer religiösen Gruppierung zugeordnet werden können, dabei bezieht sie jedoch selbst keine offensichtliche Stellung zu dieser religiösen Bindung, die Vertreter_innen der verschiedenen Konfessionen und Strömungen werden von ihr gleichermaßen bildhaft festgehalten. Keine der Gruppen wird mit einer Wertung durch die Künstlerin selbst gestaltet. Zentral scheinen für Gabriella Rosenthal nicht die religiöse Überzeugung, sondern ausschließlich die individuellen Charakteristika der Menschen zu sein.

Mit der Entscheidung den Stoff eines religiösen Kanons, des Tanachs, zu illustrieren und diesen durch die Ergänzung weiterer Figuren darüber hinaus zu aktualisieren, bezieht sie jedoch Stellung zur Relevanz, die dieser Text für die aktuelle Gesellschaft in Israel haben kann.

Wie eingangs erwähnt gibt es noch ein zweites Werk von Gabriella Rosenthal, das sich gezielt mit religiösen Stoffen auseinandersetzt. Die leider nie vollendete Publikation zu jüdischen Sprichworten werden wir demnächst in einem weiteren Blogbeitrag zur Ausstellung „Von der Isar nach Jerusalem – Gabriella Rosenthal (1913-1975) – Zeichnungen“ vorstellen.

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