Judn ohne Wiesn (8): Shulamit und Noa

Shulamit wurde 1969 in Teheran geboren. 1975 geht sie nach Israel, seit 1998 lebt sie in München. Noa wurde vor 13 Jahren in München geboren. Sie ist die Tochter von Shulamit. Foto: © Lydia Bergida.

»Mitzufeiern macht einfach Spaß.«

Noa besitzt etwas von einem Schmetterling. Einem Schmetterling, der sich trotz aller Leichtigkeit seine Gedanken über das Leben macht. Ihre Zurückhaltung steht ihr, und wir würden sie gerne wiedersehen – sagen wir mal, so in zehn Jahren – und erfahren, wohin die Reise geht. Shulamit, die Mama, hat ihren ganz speziellen Blick auf die Wiesn. Es ist der Blick von außen, was ja immer etwas Bereicherndes hat, was ja immer den eigenen Blick hinterfragt. Sie möchte dieses Phänomen „Wiesn“ einordnen können und den gewissen Abstand, den sie dazu hat, nicht verlieren. Möchte wissen und durchschauen. Fast könnte der Eindruck entstehen, dass sie ihre Studien betreibt. Das geht nicht, ohne sich hineinzubegeben, sich hineinzuwagen. Denn auch für Skeptiker steht das Oktoberfest offen, für interessierte, fröhliche wie Shulamit. Wenn das nichts ist!

Die Shulamit

Was mich von Anfang an an der Wiesn so richtig begeistert hat, das war diese Organisation. Dass das alles so klappt bei der Masse an Menschen, an Essen, bei dem Angebot an Fahrgeschäften. Und das fängt ja schon mit dem Aufbau an. Unglaublich. Einfach unglaublich. Alles ist pünktlich fertig. Jede Schraube sitzt. Alles ist durchorganisiert bis zum Letzten. Und – wie seltsam! – wäre ich 1998 nicht von Israel nach Deutschland, nach München gezogen, ich hätte nie von diesem Spektakel erfahren. Das kann man sich hier vielleicht gar nicht vorstellen, aber als ich noch in Israel gelebt habe, wusste ich absolut nichts vom Oktoberfest. Ich wusste nicht, dass so etwas existiert.

Dann kriegte ich also zum ersten Mal davon mit, erfuhr, was das ist und welche Geschichte sich dahinter verbirgt und war total begeistert. Da hat es vor über 200 Jahren eine königliche Hochzeit gegeben und daraus ist dann so ein gigantisches Volksfest geworden. Ab da war es für mich jedes Jahr erstaunlich zu beobachten, wie sich diese Stadt plötzlich, wenn der September zu Ende geht, veränderte, wie sie sich wandelt und wie die Menschen strömen. Und irgendwann tanzen alle auf den Tischen, alle singen, alle verkleiden sich. Am Anfang habe ich mich in so einem Zelt ein bisschen an den Rand gedrückt, hab von da aus beobachtet, was so passiert. Und im nächsten Zelt wieder. Ich habe nach oben an die Decke gesehen und da war der bayerische Himmel aufgemalt. Ich habe auf die Tanzenden gesehen, habe diese bayerische Musik gehört und habe gedacht, „das hier scheint ganz schön Spaß zu machen“. Und heut tanz ich natürlich längst mit auf diesen Holztischen.

Meine ersten 16 Jahre in München waren 16 Jahre ohne Dirndl. Ich wollte einfach keines, fand es für mich schwierig in dieses quasi deutsche Symbol zu schlüpfen, nach all dem, was passiert ist. Aber irgendwann habe ich mich überreden lassen. Und dann habe ich gemerkt, dass ich das einfach als Kostüm begreifen kann. Dass dieses Kleidungsstück mich zu keinen Gefühlen, zu keinem deutschen Patriotismus verpflichtet. Zur Wiesn verkleide ich mich, wie ich mich eben auch zu Purim* verkleide. Und wenn ich dann, bevor ich losziehe, noch einen letzten Blick in den Spiegel werfe, denke ich: „Hej Shulamit, diese Verkleidung steht dir aber wirklich ausgesprochen gut.“

Die israelische Verwandtschaft reist natürlich auch immer wieder gerne an, wenn es mit der Wiesn losgeht. Sie mag das und wir haben tatsächlich schon mal zusammen darüber nachgedacht, ob sich so eine Wiesn nicht nach Israel exportieren lässt. Ginge aber ganz einfach schon aus dem Grund nicht, weil bei diesen Massen die Sicherheitsfrage nicht mehr zu lösen wäre. Ist eben so.

An zwei Wiesn-Erlebnisse erinnere ich mich besonders: Einmal habe ich doch tatsächlich meine letzte Mahlzeit vor Jom Kippur* auf der Wiesn zu mir genommen, was sicher nicht so oft vorkommt. Das andere Mal ist plötzlich ein splitternackter Mann – nur Schuhe hatte er an den Füßen – vor uns über die Wiesn geflitzt. Und das ausgerechnet, als wir mit einer großen Kindergruppe unterwegs waren. Die Kinder haben nicht schlecht gestaunt. „Wieso macht der das?“, haben sie gefragt. „Dem Herrn ist einfach sehr warm“, habe ich geantwortet. Den Kinder hat das als Erklärung voll und ganz gereicht.

*Purim: jüdisches Freudenfest, erinnert an die biblische Erzählung, nach der die Juden Persiens vor der Vernichtung gerettet worden sind.
*Jom Kippur: Versöhnungstag, höchster jüdischer Feiertag

Die Noa

Mein Dirndl ziehe ich an, weil es einfach so schön ist und weil man sich darin besonders fühlt. In Israel hatte ich es noch nie an, auch weil es da einfach für so etwas zu heiß ist.

Mein Vater kommt aus Holland und er mag die Wiesn sehr. Und manchmal gehen nur wir Zwei da hin. Aber natürlich sind wir auch manchmal mit der ganzen Familie dort. Oder ich treffe mich mit Freundinnen und Freunden. Mitzufeiern macht einfach Spaß. Ich mag Fahrgeschäfte mit vielen Loopings, und da geht dann normalerweise mein Vater mit. Dem macht das schon auch noch Spaß. Mich interessiert auch immer, wie sich die Fahrgeschäfte so verändern, was es da so Neues gibt. Meistens werden sie noch schneller und haben noch mehr Loopings. Die Menschen dagegen, finde ich jedenfalls, verändern sich kaum.


Fotoausstellung „Judn ohne Wiesn. Begegnungen mit Münchnerinnen und Münchnern in Tracht

Lydia Bergida (Fotografien und Idee) und Katrin Diehl (Textarbeit)
Vom 15.9. bis 18.10. im Foyer des Jüdischen Museum München.
Eintritt frei

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