Judn ohne Wiesn (6): Der Martin

judn ohne wiesn
Martin wurde 1955 in Warschau geboren. Seit über 30 Jahren arbeitet er als niedergelassener Arzt in München. Foto: © Lydia Bergida

»Ich bin ein fanatischer Wiesn-Gänger!«

Martins Begeisterung fürs Oktoberfest steckt an. Sie ist Teil von etwas Größerem. Er liebt München, Bayern, seine Arbeit, seine Familie, das Leben. Der Tatendrang, die Energie, die in diesem Mann in der kurzen feschen wie kleidsamen Lederhose stecken, scheinen es zu schaffen, den Tagen mehr Stunden, dem Leben mehr Jahre zuzuschustern. Dass er Bücher schreibt, wundert nicht, Bücher, die zwar medizinischen Themen auf der Spur sind – dem leidigen Rücken, den schmerzenden Gelenken… –, die aber immer auch etwas von einem Lebensratgeber haben. Der Martin ist ein Münchner, der anderen so locker wie natürlich vermitteln kann, wie es ist, eben ein Münchner jüdischer Herkunft zu sein und das mit Freude. Ein wirklich hohes Gut. Die Patienten und Patientinnen im Wartezimmer bekommen dann halt mal am Freitagnachmittag ein gut gelauntes „Schabbat Schalom“ zu hören oder planen zur Abwechslung eine Reise nach Israel, nachdem der Herr Doktor immer so begeistert von diesem Land erzählt. Der Martin trifft den richtigen Ton und so traurig es für ihn ist, dass heuer die Wiesn ausfällt, so gelassen kann er dann halt auf die nächste warten. Es gibt so viel auf der Welt, was darauf wartet, angepackt und ausprobiert zu werden.

Der Martin

Ich liebe die Wiesn. Ich liebe sie! Und dieses Jahr gibt’s keine! Das ist schlimm. Wirklich ganz, ganz schlimm. Für mich ist die Wiesn-Zeit eine Zeit, in der nichts anderes stattfindet als einfach die Wiesn. Ja, so ist das. Meinen Urlaub lege ich da drauf aus. Termine werden drum herum gelegt. Die Wiesn-Zeit ist mir heilig. Sakrosankt. Mich findet man jeden Tag dort. Fast jeden Tag. Na, ja. Wegen der jüdischen Feiertage kann es schon auch mal sein, dass man mich für ein paar Tage nicht sieht. Aber sind die vorbei, bin ich wieder da und es geht weiter. Ich bin ein fanatischer Wiesn-Gänger. Ein fanatischer jüdischer Wiesn-Gänger. Weil das nämlich durchaus zusammen geht. Weil Schweinsbraten und Bratwürschtl ja überhaupt nicht sein müssen. Da gibt es Hendl, Ente und für die, die es noch genauer nehmen, auch Kasspatzen, Obatzda, ein ganzes vegetarisches Sortiment…
Der eine Freund hat einen Tisch. Der andere Freund hat einen Tisch. Ich habe jedes Mal so vier, fünf Tische… Man lädt sich gegenseitig ein. Also, mir macht das wirklich unglaublich viel Spaß. Was sicher auch damit zu tun, dass es ansonsten in München ein großes Defizit gibt an Feierangeboten für Leute wie mich. Für Leute meines Alters mit viel Bewegungsdrang. Das ist so. Für Junge gibt es Dutzende Bars, Clubs… Aber versuchen Sie mal was zu finden für Menschen über 60, die gerne tanzen und feiern. Nichts. Eine echte Marktlücke, die das Oktoberfest einmal im Jahr füllt. Und jetzt gibt es keine. Furchtbar.

Bei so einem wie mir hat sich natürlich über die Jahre eine ganze Auswahl an Tracht angesammelt. Sollte es mal kälter sein, greif ich zum Beispiel zur langen Lederhose. Ich bin ausgestattet und eigentlich müsst ich bis zu meinem Lebensende nichts mehr kaufen. Eigentlich…

Was mir am besten gefällt auf der Wiesn, ist, wenn die Stimmung gut ist, wenn die Leute, die beieinander sitzen, zusammen passen. Und den Anstich am ersten Tag, den find ich schon auch immer beeindruckend. Und was ich auch liebe, das ist der Wirte-Einzug. Zu dem bin ich immer eingeladen. Ich sitz dann auf so einem Wagen, der bei schönstem Wetter durch München fährt, und die Leute jubeln einem zu. Man wirft mit Blumen… Also…, da gibt es doch wirklich nichts Schöneres.

Ja, klar trifft man immer Leute, die man kennt. Ich bin jetzt 31 Jahre als Arzt in München niedergelassen, da kennt man sich. Und von den Wirten sind sowieso viele Patienten von mir. Zweidrittel der Zelte werden von Wirten betrieben, die bei mir Patienten sind. So schätze ich jetzt mal. Das macht die Tischvergabe natürlich etwas einfacher. Ist ja klar. Und Leute aus der jüdischen Community trifft man natürlich auch auf der Wiesn. Wir haben da einen Männerstammtisch, und da gibt es einige, die richten sich noch einmal ganz anders her als ich. Also, dagegen bin ich dann fast eine graue Maus.

Wenn man hier in München lebt, dann gehört das Oktoberfest als Kultur einfach dazu. Aber natürlich kann ich mich noch an Zeiten erinnern, da war es unter den Juden fast so etwas wie ein Verrat, wenn man auf die Wiesn gegangen ist. Als jüdischer Bub sollt man da nicht hin. Und auch eine Lederhose wäre nicht gegangen. „Schau dir den an, wie assimiliert der schon ist“, hätt es dann geheißen. Das war zu viel deutsche Tradition, zu viel, was nicht zu einem gehörte oder gehören sollte. Und ich glaub fast, dass das bei vielen heute immer noch so ist. Aber ich denke da einfach anders. Ich bin da halt einfach der Ansicht, wenn man hier lebt und wenn man sich hier zuhause fühlt, dann muss man auch die Kultur akzeptieren. Außerdem mag ich es, wenn Menschen mit ihrer Tradition verwurzelt sind. Für meine Kinder ist die Wiesn zum Beispiel schon etwas ganz Normales. Die ziehen ihre Dirndl an und los geht‘s. Wunderbar!

Und jetzt fällt sie also aus. Nein, nein. Ein Ersatzprogramm wird es auf keinen Fall geben. Weil es nämlich für die Wiesn keinen Ersatz gibt. Ich wart aufs nächste Jahr. Ich schaffe das.


Fotoausstellung „Judn ohne Wiesn. Begegnungen mit Münchnerinnen und Münchnern in Tracht“

Lydia Bergida (Fotografien und Idee) und Katrin Diehl (Textarbeit)
Vom 15.9. bis 18.10. im Foyer des Jüdischen Museum München

Eintritt frei

Hinterlasse eine Antwort

*