Judn ohne Wiesn (5): Roman und Eva

Roman wurde am 7., 8., 9. oder 10. Mai 1944 in einem Erdloch in einem Wald bei Tarnopol (heutige Ukraine) geboren. Nach dem Krieg kam er mit seinen Eltern nach München. Roman ist der Mann von Eva. Foto: © Lydia Bergida.

»Im Grund könnt man ja grad meinen, dass die Wiesn eine jüdische Erfindung ist.«

Dass der Roman so ein echter Bayer, ein echter Münchner werden konnte, hat auch mit seinen Eltern aus Tarnopol, das liegt in der heutigen Ukraine, zu tun. Ziemlich bald nach dem Krieg in München angekommen – und eigentlich hatte man ja nach Amerika weiterreisen wollen, woraus dann aber doch nichts geworden ist –, haben Vater und Mutter den kleinen Roman schnell mit den „Buam“ auf der „Straßn“ spielen lassen. Natürlich ausgestattet mit einer „Lederhosn“, dem praktischsten „Buam“-Kleidungsstück überhaupt. Damit hat er dann so gut wie dazugehört, hat bald „Spezln“ gehabt, einer davon sogar mit einer richtigen Modelleisenbahn im Wohnzimmer. Aber es gibt noch einen zweiten Grund, und dafür ist der Roman den Eltern bis heute dankbar: dass die es nämlich geschafft haben, ihn mit einem starken Bezug zu seiner jüdischen Herkunft auszustatten. Das war nicht selbstverständlich, gab ihm aber die Freiheit, sich auch anderen Identitäten gegenüber öffnen zu können, ohne dass das an seinen Wurzeln gezogen hätte. Während unseres Gesprächs summt der Roman so bayerische Melodien vor sich hin, so „Landler“ oder so. Er findet, dass eine Kippa sehr gut zu einer Lederhose aussieht und möchte bitte auch, dass die Haferlschuh mit aufs Bild kommen. Sie sind es nicht. Wir versichern aber, dass da welche waren, dass der Roman sehr zünftig in Haferlschuhen gesteckt hat. Keine Haferlschuhe auf dem Foto, dafür zwei Romans, die sich sehen lassen können.

Der Roman

An die ersten Male als Bub erinnere ich mich gar nicht mehr so genau. Eine Lederhose hab ich aber bestimmt angehabt. Es fragt sich nämlich eher, ob ich überhaupt was anderes gehabt hab als eine Lederhosen. Beim ersten Mal mag ich so 10, 11 gewesen sein. Auffallend deutlicher werden die Erinnerungen an die Zeit, als ich dann so langsam zum Jüngling, zum jungen Mann gereift bin. So mit 17, 18. Da, wo man dann angefangen hat, das ganze Jahr über die Adressen der Mädels zu sammeln, mit denen man auf die nächste Wiesn gehen will. Das war schon sehr schön.

Geh ich heut, muss auf jeden Fall der Steckerlfisch sein. Ein absolutes Muss. Dann geht’s im Zelt weiter mit Brathendl un a Maß Bier und noch einer halben Maß, weil meine Frau die ihre nicht ganz schafft. Un a Riesnbrezn. A Riesnwiesnbrezn. Außerdem ist die Fahrt in der Geisterbahn ganz wichtig. Als Kind hab ich mich davor gefürchtet, heut geht‘s. Und Schießen. Schießen muss ich auch. Und ich treff auch wirklich gut. Fast jeder Schuss ein Treffer. Im Grund könnt man ja grad meinen, dass die Wiesn eine jüdische Erfindung ist. Man sieht sich endlich mal wieder, man sitzt eng zusammen, man redet viel. Und Essen und Trinken ist sowieso das wichtigste jüdische Thema überhaupt. Was dann allerdings schon ein bisschen ärgerlich ist und auch gegen einen jüdischen Ursprung der Wiesn spricht, ist die Tatsache, dass unser Jom Kippur* meistens mitten in der Wiesnzeit liegt. Mitten drin. Ganz ärgerlich. Wirklich sehr ärgerlich. Aber was will man machen? Man fastet, und danach geht man wieder auf die Wiesn.

Dass ich da natürlich mit Lederhosen und allem, was dazu gehört, hingehe, ist ja klar. Ich bin ein Münchner durch und durch. Für mich ist meine bayerische Kleidung kein Zeichen dafür, dass ich dazu gehören will, sondern dass ich dazu gehöre. Ich habe neben meiner jüdischen Identität eben auch eine bayerische Identität, und die beiden Identitäten vertragen sich recht gut. Und Schweinsbraten ist sowieso nicht mein Ding. Da hol ich mir doch lieber einen Steckerlfisch.

*Jom Kippur: Versöhnungstag, höchster jüdischer Feiertag

Eva wurde 1948 in Temeswar, Rumänien, geboren. In München lebt sie seit 2008. Eva ist die Frau von Roman. Foto: © Lydia Bergida.

Sie nimmt die Sache in die Hand. Sie legt das Tempo vor. „Das könnt man noch machen und das und das und das auch noch.“ Hilfe! Wir halten kaum Schritt. Sachen werden drapiert, Möbel gerückt, der Balkon mit eingespannt. Die Eva lebt von Ideen, ahnt schon welche, wo man noch am Gedankenordnen ist, findet die, die wir mitbringen, „sehr, sehr gut!“ und ist sofort dabei. Die Eva ist eine Ideen-Heraufbeschwörerin, wenn es so etwas gibt, und sie hat überhaupt kein Problem damit, in Windeseile in für sie neue Sitten und Gebräuche einzusteigen. Welche Bewandtnis es mit diesem oder jenem Brauchtum hat, lässt sie sich rucki-zucki und nebenher verklickern. Was das Leben gibt, ist für sie zum Mitmachen und Ausprobieren bestimmt. Aha. München. Aha. Wiesn. Aha. Da braucht‘s ein Dirndl. Aha. Trachtengeschäft an der Ecke. Aha. Die Eva im Dirndl. Aha. Passt! Also, gemma. Gemma auf dieses Oktoberfest. Auf den Tischen mitzutanzen, hat für die „Zugereiste“ ohnehin weniger mit irgendeiner Tradition als mit guter Laune und guter Musik zu tun. Sie hat einen Bayern geheiratet, einen jüdischen, und also ist sie jetzt in Bayern Zuhause, wie sie aber eigentlich an ganz vielen Orten auf der Welt Zuhause sein kann, wenn sie dort landet, mit den Leuten redet – und es gibt kaum eine Sprache, die die Eva nicht spricht –, Ideen aus ihnen herauskitzelt. Um überall schnell anzukommen zu sein, dabei hilft auch der Chai-Anhänger an ihrer Halskette. Den legt sie nie ab. Nie. Ein Erbstück von ihrer Mutter.

Die Eva

Meine erste Wiesn die war im Jahr 2008. Der Mann, den ich später heiraten sollte, hat mich kurzerhand dorthin mitgenommen. Der ist ein richtiger Bayer, ein echter Münchner. Der kennt sich aus, und der hat mich dann auch ganz fachmännisch in die Wiesn-Kultur eingeführt. Für mich war das damals ziemlich aufregend. Und natürlich brauchte ich für diesen ersten Wiesn-Gang das richtige Outfit. Ich musste mir ein Dirndl anschaffen und zwar schnell, wozu man mich allerdings auch nicht lange überreden musste. Ich machte das mit dem allergrößten Vergnügen. In der Nähe vom Jakobs-Platz Richtung Viktualienmarkt gibt es ein wunderbares Geschäft für Trachten aller Art. Da bin ich hin, ließ mich beraten, bestaunte mich im Spiegel und wurde fündig. Ein Dirndl…, das ist für mich so etwas wie ein Kostüm. Eine Verkleidung. Ja, eine coole Verkleidung. Zum Dirndl trage ich eine Halskette mit Chai*-Anhänger. Der gehört fest zu mir. Der ist ein Erbstück von meiner Mutter. Ohne den geht gar nichts.

Nach meinem Wiesn-Einstand war ich dann in den folgenden Jahren eigentlich immer auf der Wiesn, auch geschäftlich und so. Irgendwann wurde ich dann auch zu dieser Sixt-Mädels-Wiesn eingeladen. Das ist ein Riesenevent mit richtig gutem Essen. Da sitzen dann, verteilt an mehrere Tische, an die 2000 Powerfrauen. Man soll sich bei dieser Sache kennenlernen und austauschen, was allerdings unter Bierzeltbedingungen gar nicht so einfach ist. Wesentlich einfacher wird’s dann schon, wenn’s ans Tanzen geht. Da zeigen die Damen, was für eine Energie in ihnen steckt.

Gehe ich mit meinem Mann aufs Oktoberfest, trinke ich natürlich auch eine Maß, schaff aber regelmäßig nur die Hälfte. Die andere übernimmt er. Und vorher waren wir natürlich noch beim Schießen. Das gehört für meinen Mann dazu. So sehr oft trifft er nicht, aber das macht mir überhaupt nichts aus. Ich bade einfach in dieser Atmosphäre, die von dieser Theresienwiese ausgeht. Ich mag den Rummel. Geisterbahn fahren muss mein Mann leider alleine, und diese lebensgefährlichen Achterbahnen tue ich mir auch nicht an. Betrunken waren mein Mann und ich noch nie. So ein wenig leichtfüßig schon.

*Chai: Das hebräische Wort bedeutet Leben. Es setzt sich aus den hebräischen Buchstaben „Chet“ und „Jud“ zusammen.


Fotoausstellung „Judn ohne Wiesn. Begegnungen mit Münchnerinnen und Münchnern in Tracht“

Lydia Bergida (Fotografien und Idee) und Katrin Diehl (Textarbeit)
Vom 15.9. bis 18.10. im Foyer des Jüdischen Museum München

Eintritt frei

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