Judn ohne Wiesn (4): Die Esther

Von Katrin Diehl

Esther ist 1937 in Hannover geboren. In München lebt sie jetzt schon so lange, dass sie sich durchaus als jüdische Münchnerin fühlt. Foto: © Lydia Bergida.

»Ich will für die Menschen ein Anblick sein. Mode ist Kultur.«

Das Lachen wirft einen um. Und die Energie. Und die Farben. Und die Sätze. Esther ist unglaublich. Der Besuch bei ihr gleicht einer Achterbahn-Fahrt. Sie legt norddeutsches Redetempo vor und fühlt sich doch heimisch in der bayerischen Gemütlichkeit. Irgendwie geht das wohl zusammen. Beim Beantworten von Fragen muss sie keine Sekunde nachdenken, als lägen alle Sätze schon lange fertig bereit. Eleganz scheint ihr in die Wiege gelegt worden zu sein, und die verschafft ihr allerorten einen Auftritt und sei es im Bierzelt. Sie ist und bleibt eine Dame, auch wenn sie beim Autoscootern den anderen das Fürchten lehrt. Esther macht es sich, wie es ihr gefällt. Das tut ihr in der Seele gut. Von ihrem Zuhause aus blickt sie über die Dächer ringsum, ist allem ganz nah und fern zur gleichen Zeit. Viele von den Bildern, die an der Wand hängen, hat sie selbst gemalt. Auch da schwört sie auf leuchtende Farbigkeit. Esther hat noch einiges vor. Zum Beispiel einen Fallschirmsprung oder Paragliding. Zuerst aber wird das Oktoberfest gefeiert. Von der Ersatzveranstaltung, zu der sie einladen wird, hat sie genaue Vorstellungen, weiß wie alles auszusehen hat, geschmückt, gerichtet werden soll. Darauf freut sie sich und strahlt. Und nächstes Jahr wird wieder „ozapft“. Für Esther gibt es dann bitte erst einmal einen Sekt. 

Die Esther

Früher bin ich sehr oft auf die Wiesn. Eigentlich jeden Tag. Denn da war ich ja noch im Beruf. Ich habe am Abend das Geschäft abgeschlossen und bin zusammen mit meinen Angestellten rausgefahren. Und da saßen wir dann gemütlich in so einer Box, die ich gemietet hatte, und haben das Leben gefeiert. Das ist ja überhaupt das Schönste, wenn man mit Leuten zusammen sein kann, die einem gut sind. Und man muss sich ja auch nicht gleich betrinken. Auch nicht, um fröhlich zu sein. Ich bin ein sehr fröhlicher Mensch. Ich tanze zum Beispiel sehr gerne. Und das tu ich auch auf der Wiesn. Und lachen. Ich liebe es, zu lachen. Also, sollte ich das mal nicht mehr können, dann ist es vorbei.

Ich habe auch schon mal da oben auf dieser Bühne gestanden und so dirigiert, und statt Bier haben sie mir dann auch immer gleich Champagner gebracht. Weil ja alle wissen, dass ich Bier nicht so mag. Also, ich bedaure das schon sehr, dass die Wiesn dieses Jahr ausfallen muss. 

Dann war mein Geschäftsleben irgendwann vorbei, aber ich bin natürlich weiterhin viel auf die Wiesn. Dann halt mit meiner Clique, mit meinen Freunden. Ich habe sehr nette Freunde, meistens männliche. Und mit denen gehe ich dann. Das macht natürlich besonders Spaß. Ich alleine mit fünf Männern. Das ist schon sehr, sehr schön. Und wir sind dann in Zelten, wo man auch Kaffee und Kuchen bekommen kann. Aber Champagner gibt es da auch. Ist einfach was anderes als Bier. Also, eine Maß trinke ich schon. Aber dann ist genug und dann kommt der Champagner. Fahren tu ich so gut wie alles. Besonders diese Autoscooter. Das haben sie mir eigentlich nicht zugetraut. Und ich habe die dann durch die Menge gelenkt, und immer hin und her und hin und her. Und die rufen dann: „Esther hör auf, wir fallen ja raus!“ Denn ich fahre ja auch leidenschaftlich gerne Auto, und dann passt das natürlich. Und dann sind wir mit diesem…, ich weiß nicht, wie das heißt, jedenfalls ging das ganz hoch hinauf, gefahren. Ich liebe das, und ich liebe das jedes Jahr mehr. 

Was ich hier trage ist ein elegantes Trachtenkostüm extra für die Wiesn geschneidert. Ich habe das entworfen und dann machen lassen. Also, ich war ja mal Geschäftsführerin, und dann musste ich schon was darstellen, und so der halbe Busen raus, das geht ja nicht. Würde ich auch als jüdische Frau nie machen. Das passt nicht. Ich gehe immer, sagen wir mal, zugeknöpft. Außerdem habe ich, so wie ich das einschätze, keine Dirndlfigur. 

Na ja, meine Auswahl an Wiesnkleidung ist schon sehr groß. Da würd so mancher in Ohnmacht fallen, wenn er einen Blick in meinen Kleiderschrank täte. Und wenn ich mich dann entscheide, dann geht es vor allem darum, dass alles harmoniert. Bei mir muss alles harmonieren. Da bin ich eine Perfektionistin. Und Hauptsache, jeden Tag was anderes. Und ich werde da auf der Wiesn auch oft angesprochen. „Endlich mal sieht man hier eine Dame“ oder „Sie können aber wirklich Kostüm tragen“. Solche Sachen. Ich will für die Leute ein Anblick sein. Mode ist Kultur. Das ist von Anfang an Teil meiner Erziehung gewesen. Ich bin ja noch von einer Gouvernante mit Stil erzogen worden. Und die hat mich wirklich sehr geprägt. Wenn mir heute mal so ein bayerischer Kraftausdruck herausrutscht, dann hör ich sie bis heute in meinem Kopf sagen „also, Estherlein, so etwas passt nicht zu uns“.

An den hohen Feiertagen gehe ich natürlich nicht auf die Wiesn. Das ist für mich Tabu. Da bin ich in der Synagoge. Ich bin ja eine sehr gläubige Frau, und die Feiertage sind mir heilig. Aber wenn die vorbei sind, oder wenn die nicht so hoch sind, dann geh ich gleich wieder. 

Ich war auch schon mal in Tracht in der Synagoge. Samstag ist ja immer Wiesn-Aus, und um das zu zeigen, bin ich in Tracht in die Synagoge. Also, Frau Knobloch fand das toll. Und die jüdische und die bayerische Kultur passen ja auch gut zusammen. Und das darf man ruhig zeigen. 

Wenn jetzt dieses Jahr keine Wiesn ist, möchte ich auf meiner Terrasse eine kleine Feier machen. So ganz bayerisch. So mit einem Fass mit Bier drinnen und so. Und Champagner wird es sowieso geben. 

Ich bin zwar in Hannover geboren und auch in eine ganz schlimme Zeit hinein, aber heute fühle ich mich durch und durch als jüdische Münchnerin. Ich bin eine jüdische Münchnerin, die die Wiesn liebt. 

Fotoausstellung „Judn ohne Wiesn. Begegnungen mit Münchnerinnen und Münchnern in Tracht“
Lydia Bergida (Fotografien und Idee) und Katrin Diehl (Textarbeit)
Vom 15.9. bis 18.10. im Foyer des Jüdischen Museum München
Eintritt frei

Hinterlasse eine Antwort

*