Judn ohne Wiesn (1): Der Michi

Von Katrin Diehl

»Ich trag’s, weil’s halt echt gut ausschaut.«

Er ist ein unglaublich gut gelaunter, total lockerer Typ, der Michi. Zuerst haben wir ja gedacht, dass er uns für Fotoshooting und Interview in sein BR-Studio bestellen würde, zumal für ihn Radiomachen nach wie vor zum Schönsten überhaupt gehört (mit Schlagern kennt der Herr sich aus!). Aber es kam anders. Ganz anders. Okay. Treffpunkt: Das BR-Hochhaus an der Arnulfstraße, dort in der Eingangshalle. Michi hüpft die Treppe herunter, nimmt von Kolleginnen und Kollegen ein paar erstaunte Blicke oder witzige Bemerkungen entgegen, weil er seltsamer Weise an so einem heißen Tag und ganz ohne Wiesn in voller Tracht daherkommt. Er witzelt zurück, packt uns ins Auto und es geht Richtung Westen.  

Am südlichen Rand der Aubinger Lohe (öffentlich hätten wir da kaum hingefunden) verwandelt sich der Michi in einen Biotopführer. Er kennt da jeden Frosch und hat einen Heidenspaß daran, wenn Frosch nach Frosch in einer Art Choreographie im hohen Bogen im Weiher landet (das aufs Foto zu bekommen, ist wahre Kunst). Da sitze er gerne und beobachte nur, erzählt er, und dass er auch schon recht ärgerlich werden könne, wenn solche Lausbuben daherkämen, die Frösche fangen und wieder ins Wasser werfen würden. „Geht’s noch?“ Da hat er recht. Ärgerlich können wir ihn uns trotzdem nicht vorstellen. Und die Libellen! Wunderschön! Ein bissl störend sind wir uns da schon fast vorgekommen neben ihm und bei all der Natur. Später und ein paar Schritte weiter gab’s dann auch noch Hühner und einen Kurzvortrag über die „Keltenschanze“. Ohne Frage. Der Michi weiß, was er an München hat.  

Der Michi

Ich bin, was man ein echtes Münchner Kindl nennt. Mit der Wiesn bin ich aufgwachsen. Ich erinnere mich zum Beispiel noch – da werd ich so acht Jahre alt gwesen sein -, da hat mir ein Nachbarbub, so ein wuider Hund, einfach mal so auf den Kopf zugesagt: „Kum, hajt gema aufd Wiesn“. Ich bin daraufhin zur Großmutter und hab der verkündet: „I geh jetzt aufd Wiesn.“ Die Großmutter hört das, greift in ihre Tasche und streckt mir einen 50 Mark-Schein entgegen. 50 Mark! Ein Vermögen! Der wuide Hund und ich, wir haben uns dann also ein bisschen heimlich davon gemacht und sind auf die Wiesn. Das war dann wahrscheinlich das Paradies dort. Na, ja. In den 70er Jahren war halt alles noch ein bissl anders.  

Ein Wiesngänger bin ich geblieben. Das Oktoberfest ist einfach was Schönes. Nehmen wir mal die Hendl! Knusprig, braun… Wunderbar! Und dass man die so einfach mit die Händ isst! Und das Bier! So süffig, und dann auch noch – dem bayerischen Reinheitsgebot sei Dank – absolut koscher. Ist überhaupt gut machbar die Wiesn, was das anbelangt: ein guter Kartoffelsalat, dazu ein Hendl und a Maß…, und man ist auf der sicheren Seite. Jeder orthodoxe Rabbiner wär zufrieden mit dir, zumal, wenn du dich zu den Feiertagen auf der Wiesn gar nicht erst sehen lässt. Bleiben eh noch genug Tag übrig. Und da sitzt man dann also zufrieden mit sich und der Welt in so einem Zelt und um einen herum Menschen von überallher. Wobei man die dann auch manchmal recht schnell bei sich zu Gast hat. Es gibt ja kaum eine Zeit, in der du mehr „Freunde“ hast, als wenn die Wiesn ist. Da kommen dann auf einmal Mails von Leuten, die du irgendwann, irgendwo mal kurz kennengelernt hast, und schwupps wird aus deiner Bude über Nacht ein Matratzenlager, und morgens steigst du dann über Leute, die dir nicht wirklich bekannt vorkommen. 

Meinen Eltern hat es nie so richtig auf die Wiesn gezogen. Das habe ich als Kind gespürt. Die waren nicht solche Massenleute. Und auch diese Blasmusik… Ich glaub, das hat sie zu sehr ans Marschieren und so erinnert. Und zusammen in ein Zelt sind wir auch nie. Das war ihnen zu viel. Wenn die Mama mal mit ist, hat sie immer gesagt: „Wegen den schönen Lichtern.“ Es gab gebrannte Mandeln und vielleicht mal eine Fischsemmel und das war’s dann. Und Karussell fahren, das durften wir Kinder auch noch. Die Mama nicht. Der war immer gleich schlecht. Aber als dann mal eine Cousine aus Israel da war, die Orit, und die wollt unbedingt Achterbahn fahren, da ist die Mama halt mit. Oy vey, war die nachher weiß im Gesicht. Der war so schlecht, da ist gar nichts mehr gegangen.  

Was die Kleidung anbelangt, muss ich sagen, dass ich nicht von Anfang in Lederhosen gangen bin. Das war damals auch gar nicht üblich gwesen. Da hat man ein Trachtenjankerl hingetan, drunter ein T-Shirt, dazu eine Jeans und Sportschuhe. Fertig. Und auch ein bissl cool. Das mit der Lederhosn und allem, was da noch dazu gehört, kam erst später und irgendwann war’s fast eine Pflicht. Die Lederhose, die ich heute trag, ist meine dritte, und wenn die aussieht wie neu, dann liegt das daran, dass ich sie gut pflege. Wobei eine gescheite Lederhose natürlich schon abgenutzt aussehen soll. So speckig und glänzend. Und da sagt dir dann der Verkäufer: „Dann trag‘s halt oft, dann schaut‘s auch bald nach was gleich.“ Ein Tipp, den ich gerne angenommen habe. Ich hab die wirklich oft an. Grad im Sommer. Und ich erschein damit auch beim BR, wo ich arbeite. Ich trag Tracht nicht, weil ich dazu gehören möcht – weil ich nämlich schon immer einfach dazu gehör -, ich trag’s, weil‘s halt echt gut ausschaut. Und wer bin ich jetzt? Ein jüdischer Münchner, ein Münchner Jude? Ach. Je mehr man über solche Identitätsfragen nachdenkt, umso schwieriger wird’s. Die Identität oszilliert halt zwischen verschiedenen Fixpunkten. Ist nicht von mir. Stimmt aber trotzdem. 

Fotoausstellung „Judn ohne Wiesn. Begegnungen mit Münchnerinnen und Münchnern in Tracht“

Lydia Bergida (Fotografien und Idee) und Katrin Diehl (Textarbeit)
Vom 15.9. bis 18.10. im Foyer des Jüdischen Museum München
Eintritt frei

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