Von einem Passierschein für einen Elefanten und anderen Skurrilitäten

Ausschnitt aus: Gabriella Rosenthal, Ein schmaler Grat, Federzeichnung, Wasserfarben, veröffentlicht in: The Palestine Post, „Palestine People“, 15.11.1946; © privat

Die besten Geschichten schreibt bekanntlich immer noch das Leben. Und Gabriella Rosenthal hat diese Geschichten zeichnerisch festgehalten. Besonders bekannt geworden ist sie dabei mit ihrer Serie „Palestine People“, in der sie wöchentlich Zeichnungen für die Palestine Post veröffentlicht hat.

„Rechne es mir nicht zum Bösen an, my love, das Leben ist grade so sehr aufregend – na hurrah, endlich! Du weisst doch, zuerst ging alles aber schon so stinkschief, und auf einmal bin ich quasi ‚La Gabriella‘, artist and script-writer, if you please; und hier ist doch alles so klein und (sometimes) gemütlich, da kannst Du Dich an Deinem Ruhm so richtig sonnen – im Autobus, beim pizzicagnolo, im Café.“

Stadtarchiv München, NL-ROS-0438, Brief von Gabriella Rosenthal an Albrecht Rosenthal, 10. März ohne Jahr

Ein bisschen skurril mutet vielleicht auch Gabriella Rosenthals Schreibstil in diesem Brief an ihren Bruder Albrecht Rosenthal im ersten Moment an, tatsächlich handelt es sich bei ihrem Stil jedoch um eine Kunstform. Es gibt darüber hinaus aber auch einen guten Grund für ihre offensichtliche Aufregung. Bereits 1935 wanderte Gabriella Rosenthal mit ihrem Mann Schalom Ben-Chorin von München nach Jerusalem aus. 1936 wurde dort ihr Sohn Tovia Ben-Chorin geboren. 1942 dann ließen sich Gabriella Rosenthal und Schalom Ben-Chorin scheiden und kurz darauf diente sie für einige Zeit in der britischen Luftwaffe in Kairo, kehrte aber noch 1943 nach Jerusalem zurück. Dann klafft eine Lücke in ihrem Lebenslauf. Bis 1946, als sie mit der Serie „Palestine People“ in der Zeitung Palestine Post bekannt wird, wovon sie hier ihrem Bruder begeistert berichtet. Ihren Erfolg erklärt sie sich folgendermaßen:

„Die Serie ‚Palestine People‘ (ich hoffe das Nickerl [= Nicoletta Rosenthal Misch, Schwester von Gabriella und Albrecht Rosenthal] zeigts Dir) hat so eingeschlagen dass ich ganz belämmert bin. Ich glaube das kommt in der Hauptsache deshalb dass es noch nie jemand gegeben hat (zu meinem Glück) der das heilige Land auf bajuvarisch ausnützt. (Ich komm von meiner Patrona Bavaria nicht los – ach, war sie schön!) Man sieht die Bewohner hier entweder uff tragisch oder biblisch-wüstenhaft und jetzt freuen sich die Leut dass einer eine Gaudi anfängt und sie sanft dableikt [=verspottet].“

Stadtarchiv München, NL-ROS-0438, Brief von Gabriella Rosenthal an Albrecht Rosenthal, 10. März ohne Jahr)

Damit beschreibt sie in der Tat die Besonderheit ihres Zeichenstils sehr treffend: Mehr noch als vielleicht ihre anderen Werke, sind die Zeichnungen aus der Palestine Post von einem humorvollen Blick auf ihre Umwelt geprägt. Das ist umso bemerkenswerter bedenkt man die schwierigen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse zu dieser Zeit. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 verschärften sich die territorialen und politischen Auseinandersetzungen zwischen jüdischen, palästinensischen und britischen Interessenvertreter_innen zusehends. Bereits 1946 wurden einzelne Stadtteile in Jerusalem mit Stacheldraht abgesperrt, um sie vor Anschlägen zu schützen. Dennoch bewahrt Gabriella Rosenthal sich ihre humorvolle, manchmal sarkastische Sichtweise und zeigt mit ihren Zeichnungen die Absurditäten des Lebens auf.

Gabriella Rosenthal: Priviligierter Reisender, Federzeichnung, veröffentlicht in: Palestine Post, „Palestine People“, 08.11.1946; © privat

Ein gutes Beispiel dafür ist die Zeichnung von Bungo dem Elefanten. Am 01.11.1946 veröffentlichte die Palestine Post einen kurzen Artikel über die Ankunft Bungos in Haifa. Bungo sollte als erster zahmer Elefant Teil des Zoos in Tel Aviv werden und musste daher aus dem Reservat in Khartum nach Palästina gebracht werden. Der Transport erreichte Haifa jedoch erst nach der nächtlichen Ausgangssperre, sodass für Bungo ein sogenannter „curfew pass“ ausgestellt wurde, also eine Erlaubnis sich als privilegierter Reisender auch noch nach der Ausgangssperre auf den Straßen zu bewegen. Somit hatte alles seine Ordnung als eine Patrouille den Wagen und seine Passagiere kontrollierte, gestaunt haben sie aber dennoch nicht schlecht.

Gabriella Rosenthal: Altes für Neues, Federzeichnung, veröffentlicht in: Palestine Post, „Palestine People“, 01.11.1946; © privat

Auch andere Beiträge der Palestine Post nimmt Gabriella Rosenthal in ihren Zeichnungen wieder auf. In der Zeichnung „Altes für Neues“ bezieht sie sich auf eine Serie von Stromausfällen in Jerusalem zwischen 1946 und 1947 über die die Palestine Post berichtete und stellt den LeserInnen einen fiktiven Händler vor, der das Problem auf kreative Weise zu lösen wusste.

Die Palestine Post war eine englischsprachige Tageszeitschrift, die 1932 im Rahmen einer zionistischen Initiative gegründet worden war. Sie richtete sich an alle englischsprachigen Leser_innen in Palästina sowie im Ausland und damit sowohl an die jüdische als auch an die arabische und christliche Bevölkerung oder britische Staatsangehörige, die in Palästina stationiert waren.

Gabriella Rosenthal: In Zivil, Federzeichnung, veröffentlicht in: Palestine Post, „Palestine People“, 31.05.1946; © privat

Dass die Zeitung auch von britischen Beamten gelesen wurde, lässt sich an dem Bild „In Zivil“ feststellen: Die drei abgebildeten Männer sind Kriminalbeamte, die sich aufgrund ihrer Position in Zivil kleiden durften, um sich durch die Straße zu bewegen ohne als Polizeibeamte identifiziert zu werden. Allerdings fielen sie in der mediterranen Umwelt gerade dadurch auf. Nicoletta Rosenthal, die Schwester Gabriella Rosenthals, gibt dazu folgende Anekdote wieder:

„What they may have lacked in sartorial finesse, they made up with a charming sense of humor. The day after this cartoon had appeared, there was a knock at Gabriella‘s door at a very early morning hour. Quickly she fastened her robe, smoothed her hair and opened the door with apprehension. And there stood the three plainclothesmen, with a bouquet of roses.
„Are you Gabriella Rosenthal?“
„Yes.“
Whereupon the nonplussed Gabriella was handed the roses with the words: „To the only person who ever made us laugh before breakfast.“

Nicoletta Rosenthal Misch [Hrsg.]: In and Around Jerusalem with Gabriella Rosenthal. Drawings and Articles by Gabriella Rosenthal. Seattle: Tebo Press 1982, S. 48

In der Ausstellung „Von der Isar nach Jerusalem – Gabriella Rosenthal (1913-1975) – Zeichnungen“ sind diese und weitere Zeichnungen aus der Palestine Post noch bis zum 14. Februar 2021 zu sehen.

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