Erika Mann und Gabriella Rosenthal: Ein vergleichbarer Weg?

Gabriella Rosenthal: In Zivil, Federzeichnung, veröffentlicht in: Palestine Post, „Palestine People“, 31.05.1946. © privat

Gleicher Geburtsort, ähnliche Lebensdaten. Dennoch haben sich die Leben von Erika Mann und Gabriella Rosenthal sehr unterschiedlich entwickelt. Aber gibt es vielleicht auch Gemeinsamkeiten?

Von ähnlichen Ursprüngen…

Etwa zehn Jahre liegen Erika Mann und Gabriella Rosenthal auseinander. Beide werden in München geboren und wachsen mit weit bekannten Vätern auf. Thomas Mann ist Schriftsteller, Erwin Rosenthal Antiquar. Bücher sind daher von Beginn an Teil des Lebens der beiden Frauen und dennoch entscheiden sie sich zunächst für andere Kunstformen, um sich auszudrücken. Erika Mann sieht sich auf der Theaterbühne, Gabriella Rosenthal als Zeichnerin. Beide erhalten in ihrer Jugend die Chance, sich in anderen Ländern aufzuhalten und dort neue Kulturen kennenzulernen. Und beide verlassen Deutschland Anfang der dreißiger Jahre endgültig.

Erika Mann, die gemeinsam mit ihrem Bruder Klaus Mann in dieser Zeit das politisch-kabarettistische Bühnenprogramm „Die Pfeffermühle“ betreibt, geht nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 gemeinsam mit ihrer Familie zunächst ins französische, dann ins schweizerische Exil.

Auch Gabriella Rosenthal entscheidet sich 1935 dafür, Deutschland gemeinsam mit ihrem Ehemann Schalom Ben-Chorin nach Palästina zu verlassen. Dabei spielt der wachsende Druck auf die jüdische Familie Rosenthal durch die Nationalsozialisten eine ebenso große Rolle wie die zionistische Überzeugung des frisch vermählten Paares.

Und ab diesem Punkt enden die Gemeinsamkeiten im Lebenslauf der beiden Frauen. Erika Mann zieht von der Schweiz in die USA und ist dort unter anderem als Kriegskorrespondentin tätig, bevor sie in der McCarthy-Ära wieder in die Schweiz zurückkehrt. Die Konfrontation mit dem nationalsozialistischen Deutschland hat sie politisiert, sie fängt an zu beobachten, zu berichten und zu schreiben, um ihren Wertvorstellungen von Demokratie und Toleranz eine klare Stimme zu verleihen.

Gabriella Rosenthal bleibt in Palästina bzw. später Israel, wo sie mit anderen gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen und Entwicklungen konfrontiert wird als Erika Mann. In ihren Zeichnungen tritt Gabriella Rosenthal in der Regel jedoch nur verhalten politisch auf. Vielmehr profiliert sie sich als Milieuzeichnerin, die die Menschen um sie herum mit offenen Augen beobachtet und ehrlich wiedergibt. Darüber hinaus findet auch Gabriella Rosenthal zum Schreiben, sie verfasst Kurzgeschichten, Reiseberichte und historische Literatur.

Wieso sollte man Erika Mann und Gabriella Rosenthal nun überhaupt zusammen betrachten? Nur weil beide zufällig in München geboren wurden? Weil beide durch den Druck des Nationalsozialismus dazu getrieben wurden, ihre Heimat zu verlassen? Oder vielleicht weil in Gabriella Rosenthals Zeichnungen doch mehr von den Wertvorstellungen Erika Manns zu finden ist, als auf den ersten Blick ersichtlich?

… hin zu Toleranz…

Gabriella Rosenthal: Kleines Jerusalemer Kaleidoskop

Gabriella Rosenthal: Kleines Jerusalemer Kaleidoskop, Heft, fadengebunden, 32 Seiten, 29 Zeichnungen, Tinte, Wasserfarben. Hier abgebildet: S. 21. © privat

Gabriella Rosenthal zeigt ein ausgeprägtes Talent dafür, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und auf neue Perspektiven einzulassen. Besonders deutlich wird dies in der obigen Zeichnung, die aus dem „Kleinen Jerusalemer Kaleidoskop“ stammt. Dieses Büchlein fertigte Gabriella Rosenthal zum Geburtstag ihres Vaters Erwin Rosenthal an. Sie zeigt darin die Vielfalt der Menschen und Kulturen, denen sie in ihrer neuen Heimat begegnet.

In dem obigen Bild wird deutlich, dass beide Männer eigentlich aus der gleichen Motivation urteilen: Sie wollen sich und ihre Partnerinnen gesellschaftlich angemessen präsentieren und flanieren durch die Straßen. Lediglich in der Frage, was angemessen zu sein scheint, unterscheiden sie sich. Gleiche Ausgangssituation, unterschiedliche Interpretation. Die gendertheoretischen Aspekte an dieser Stelle ausnahmsweise beiseite gelassen, wird hier vor allem deutlich, dass die Frage nach angemessenem Verhalten lediglich gesellschaftlich konstruiert ist und nicht auf universellen Wahrheiten beruht. Die Aussagekraft dieses Bildes und seines Textes zeigt so auch Gabriella Rosenthals Unverständnis dafür, dass man sich ob solcher konstruierten Werte nicht toleriert.

1946-1947 sind für Gabriella Rosenthal besonders erfolgreiche Jahre. In der Palestine Post erhält sie ihre eigene Serie, „Palestine People“, in der wöchentlich Zeichnungen Gabriella Rosenthals erscheinen. Das Prinzip ist dabei ein ähnliches wie beim Jerusalemer Kaleidoskop. Gabriella Rosenthal zeichnet Menschen, manchmal etwas pointiert, aber im Grund so wie sie sind. Auch hier wird daher immer wieder das interkulturelle Miteinander der Menschen im britischen Mandatsgebiet Palästina thematisiert: Das Zusammenleben von Arabern, Briten und Juden ließ die Grenzen zwischen den Kulturen teilweise verschwimmen und teilweise besonders deutlich hervortreten.

Während die linke Skizze die Gemeinsamkeiten der arabischen und der europäischen Kultur im Austausch der beiden Händler zeigt, verdeutlicht die rechte Szene wie der britische Kleidungsstil die Männer besonders aus der Umgebung herausstechen lässt.

Dabei beobachtet Gabriella Rosenthal ihre Umwelt jedoch nicht unreflektiert. So kritisiert sie in Briefen an ihre Familie beispielsweise einige Male den Stand der Frau in der drusischen Gesellschaft. Aber umso häufiger äußert sie sich auch begeistert über diese Kultur, unterrichtet drusische Kinder und freundet sich mit den Erwachsenen dieser Dörfer an. Insofern beurteilt sie zwar was sieht, aber sie verurteilt nicht.

Gerade indem sie sich nicht scheut, die Menschen so wahrzunehmen wie sie tatsächlich sind, Kulturen mit all ihren Ecken und Kanten kennenzulernen und zeichnerisch festzuhalten, drückt sich ihre Toleranz aus. Sie blickt nicht unkritisch auf ihre Mitmenschen, verdreht die Wahrheit aber auch nicht, nur um den Schein eines problemlosen Miteinanders aufrecht zu erhalten. Sie nimmt die Menschen wie sie sind.

…und Wahrheit…

Die Wahrheit war auch für Erika Mann ein wichtiges Thema, war sie doch als Kind selbst eine ausgezeichnete Lügnerin gewesen. Erst ein Gespräch mit ihrem Vater öffnet ihr die Augen für die Relevanz, die die Wahrheit für eine Gesellschaft hat. Gerade der Nationalsozialismus gegen den sich Erika Mann so engagiert einsetzt, fußte maßgeblich auf der Verschleierung der Wahrheit. Kein Wunder also, dass dieses Thema sie umtreibt.

Auch für Gabriella Rosenthal wurde die Frage nach der Wahrheit und ihrer Verschleierung vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus relevant. So drückt sie in einem Brief an ihren Bruder Albrecht Rosenthal ihre Erleichterung darüber aus, während ihrer Studien in Paris nicht länger darauf achten zu müssen was sie unbehelligt sagen kann. Explizit thematisieren tut sie diese Thematik in ihren Werken jedoch nicht. Nur die ungeschönte Ehrlichkeit in ihren Bildern lässt die Betrachtenden einen Blick auf den Stellenwert der Wahrheit für Gabriella Rosenthal erahnen.

…aber weg von der Politik?

Trotz der Erfahrungen mit dem nationalsozialistischen Deutschland hat Gabriella Rosenthal nicht die gleiche politische Energie entwickelt wie Erika Mann. Kurz nach Ausrufung des israelischen Staats 1948 bezieht Gabriella Rosenthal erstmalig deutlich eine politische Position. Sie produziert eine Flugblattserie, die für ein friedliches Miteinander der arabischen und jüdischen Bevölkerung wirbt. Nach dieser Produktion zieht sie sich jedoch weitestgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Ein sehr kurzes politisches Intermezzo im Vergleich zum Wirken Erika Manns.

Womöglich liegt hier eine strukturell vergleichbare Situation vor, wie Gabriella Rosenthal sie in der oben besprochenen Zeichnung aus dem Jerusalemer Kaleidoskop darstellt. Die Ausgangsposition der beiden Frauen ist die gleiche: Sowohl Erika Mann als auch Gabriella Rosenthal wissen um die Relevanz und Zerbrechlichkeit der Realität in politischen Auseinandersetzungen. Nur ziehen sie daraus für sich unterschiedliche Konsequenzen. Für Erika Mann bedeutet dies den aktiven Einsatz gegen Unwahrheiten, indem sie sich selbst politisch engagiert. Gabriella Rosenthal hingegen hält Distanz zu politischen Auseinandersetzungen mit ihrer Gefahr der Unwahrheiten und trägt ihre Neigung zur Wahrheit stattdessen durch ihre Zeichnungen in die breitere Gesellschaft. Gleiche Ausgangssituation, unterschiedliche Interpretation.

Erika Mann und Gabriella Rosenthal schlagen also einen unterschiedlichen Weg bei ähnlichen Überzeugungen ein. Toleranz gegenüber allen Menschen, ohne dass dabei die Wahrheit auf der Strecke bleibt. Sicherlich keine einfache Gratwanderung, aber eine, die auch heute noch besondere Bedeutung hat.

Und nochmal zurück zur Familie.

Ob sich Erika Mann und Gabriella Rosenthal gekannt haben, ist im Übrigen nicht ganz klar. Sicher ist, dass Erika Mann und Erwin Rosenthal, Gabriella Rosenthals Vater, sich kannten, wie ein Briefwechsel aus den 60er Jahren belegt. Darin wird auch die Bekanntschaft von Thomas Mann und Erwin Rosenthal vor der Emigration der Familien erwähnt. Sowohl Erika Mann als auch Gabriella Rosenthal besuchten eine Zeit lang die Luisenschule in München. Denkbar wäre also durchaus, dass sie sich zumindest flüchtig kannten. Ein konkreter Beleg in den Briefen der beiden Frauen mit ihren Verwandten konnte dafür jedoch nicht gefunden werden.

Dennoch bietet der Besuch der Erika-Mann-Ausstellung in der Monacensia und der Gabriella-Rosenthal-Ausstellung im Jüdischen Museum München sicherlich noch viele weitere interessante Vergleichspunkte.

Wichtiger Hinweis: Das Jüdische Museum München ist bis voraussichtlich Sonntag, 19. April 2020 vorübergehend geschlossen. Das städtische Museum leistet damit wie alle weiteren städtischen Kultureinrichtungen, die Treffpunkte zahlreicher Menschen sind, seinen Beitrag zur Eindämmung der Corona-Verbreitung. Daher kann auch die Sonderausstellung „Von der Isar nach Jerusalem – Gabriella Rosenthal (1913-1975) – Zeichnungen“ erst nach Wiedereröffnung des Museums besichtigt werden.

3 Antworten zu “Erika Mann und Gabriella Rosenthal: Ein vergleichbarer Weg?”

  1. Tanja Praske sagt:

    Liebe Ayleen Winkler,

    was für eine großartige Parallele und Differenz zwischen Erika Mann und Gabriella Rosenthal, die Sie für uns herausarbeiten! Ein ganz herzliches Dankeschön für diesen Beitrag zur Vernetzungsaktion #ErikaMann der Monacensia!

    An zwei Passagen musste ich sofort an konkrete Beispiele bei Erika Mann denken. Sie schreiben, dass Gabriella Rosenthal ihre Umgebung, die Gesellschaft beobachtet und in ihren Zeichnungen bewertet ohne zu verurteilen. Erika Mann seziert in ihren Schmonzetten und Texten ebenso die Gesellschaft, wertend, das Verurteilen überlässt sie den Lesern. Gutes Beispiel dafür ist ihr Text über das Hotel-Marmelade (1931). Anhand von roter und gelber Marmelade kategorisiert sie die Hotels. Die nicht so betuchten und privilegierten Menschen gehen in Hotels, wo kübelweise eine Sorte von Marmelade serviert wird, bevor ein Wechsel erfolgt.

    Und ja, Erika Mann log als Kind, wo es nur ging, bis der Vater sie gemahnte. Danach hörte sie zwar auf, aber nur bis ins jugendliche Alter. Da nahm sie es wieder nicht so genau mit der Wahrheit. Ich wollte diese Passage schon vertwittern, daher hier die Passage:

    „Ach, was der da redet! Lügen ist eine gute Sache, und ich mache das auch so weiter.“ Ich habe es aber nicht weitergemacht! Es hat mir den größten Eindruck gemacht, und ich habe von Stund an – zunächst – nicht mehr gelogen! Als wir größer waren, mit vierzehn oder fünfzehn, logen wir wieder lustig (…)“ zitiert nach Irmela von der Lühe, Erika Mann, 2009, S. 24.

    Nochmals merci für diese großartigen Verbindungslinien dieser beiden Frauen – ganz herrlich!

    Sonnige Grüße

    Tanja Praske
    Digitale Vermittlung, Erika Mann-Ausstellung der Monacensia

  2. […] Museum München – Ayleen Winkler: „Erika Mann und Gabriella Rosenthal: Ein vergleichbarer Weg?“ […]

  3. Fabienne Huguenin sagt:

    Vielen Dank, liebe Ayleen Winkler, für diese Einblicke in das Leben und Wirken zweier Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die voller Tatkraft waren – und auf unterschiedliche Weise mit der Realität umgingen.

    Wie im Text erwähnt war Gabriella die Tochter von Erwin Rosenthal (1889-1981), dem Geschäftsführer des Antiquariats Jacques Rosenthal in der Münchner Brienner Straße. Das Deutsche Museum erwarb dort in seiner Anfangszeit einige druckgrafische Blätter für seine Porträtsammlung. Zu finden sind diese im Portal „DigiPortA“ (www.digiporta.net). Zum Teil liegen sogar die Rückseiten der Porträts und damit die Aufschriften zu Rosenthal als Digitalisate vor.

    Die Porträtsammlung des Deutschen Museums legte von Beginn an den Fokus auf Persönlichkeiten verschiedenster Berufe aus dem naturwissenschaftlichen und technischen Bereich. Darunter finden sich z.B. auch Pionierinnen der Lüfte, wie die mutige Ballonfahrerin und Sophie Blanchard (1778-1819).

    Im Blogbeitrag „Erfinder, Ballonfahrerinnen und Astronomen“ vom 8. April 2016 kann man mehr zur Porträtgemäldesammlung des Deutschen Museums erfahren (http://www.deutsches-museum.de/blog/blog-post/2016/04/08/das-digitale-portraetarchiv-digiporta/)

    Im Sommer 1935 erhielt Erwin Rosenthal, der Sohn des Gründers Jakob bzw. Jacques Rosenthal (1854-1937), als jüdischer Geschäftsführer Berufsverbot. Das Geschäft übernahm der seit 1932 am Haus beschäftige Hans Koch (1897-1978).

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