Ein Diskurs in Bildern

In den letzten Jahrzehnten zeigt uns das osteuropäische und israelische Kino vermehrt Images „jüdischer“ Männerfiguren, die – ja, wie soll man sagen?– verweichlicht sind…da wird geweint, gestolpert und gestrauchelt, hinterfragt und reflektiert und mitunter zerbricht und scheitert der ein oder andere Mann am von Außen auferlegten Druck oder am eigenen Lebensentwurf…. Kann man das so einfach zusammenfassen und wie kommt es zu diesem veränderten Rollenbild des sensiblen „jüdischen“ Mannes und seiner filmischen Verhandlung auf der Leinwand?

Solchen Fragen widmete sich vergangene Woche ein internationaler Workshop in Berlin: Framing the ‚Jew‘: Masculinity, Emotionality, Identity and Nation in Eastern European and Israeli Cinema of the Last Decades lautete der Titel der Veranstaltung. Gemeinsam mit namhaften WissenschaftlerInnen und Studierenden des DFG-Graduiertenkollegs „Geschlecht als Wissenskategorie“ und dem Zentrum für Jüdische Studien der Humboldt-Universität wurde darüber diskutiert, wie sich das Bild und die Inszenierungsweisen männlicher „jüdischer“ Figuren seit den 1960er Jahren im osteuropäischen und israelischen Kino verändert haben. Auch die historischen Referenzen, Kontinuitäten und Wanderungsbewegungen von stereotypen und vorurteilsbeladenen Bildern von „dem Juden“ und „der Jüdin“, die sich hinter den veränderten Darstellungsweisen ablesen lassen, waren im Fokus der Tagung. Dabei ermöglichte vor allem das israelische Kino einen besonders komplexen und vielseitigen Zugang zu diesem Thema und die gezeigten Filmszenen erzählten oftmals von der Auseinandersetzung mit einer festgezurrten, als kollektiv verstandenen Vergangenheit und dem Konflikt des Einzelnen und seiner persönlichen Lebensgeschichte damit. Judd Ne’eman, namhafter Filmemacher und Filmwissenschaftler aus Israel, stellte u.a. seinen Film Masa Alunkot – Paratroopers (1976-77) vor, der über den Selbstmord eines israelischen Soldaten während seiner Ausbildung erzählt und über die daraus entstandende Schuldverstrickung und den Konflikt seines Vorgesetzen.

Omer Bartov, Professor für European und German Studies an der Brown University in Providence/USA stellte den viel diskutierten Dokumentarfilm Al tigu li be’shoah – Don’t touch my Holocaust (1994) näher vor. Ein Film, der, gemeinsam mit den arabischen und jüdischen Ensemblemitgliedern des politisch sehr aktiven Acco Theater Centre in Israel, die Fragestellung erarbeit und tiefer gehend ergründet, inwieweit die Shoah und auf welche Weise sie im täglichen Miteinander der Menschen in Israel eine Rolle spielt und ihr Handeln und Denken beeinflusst.

Den Abschluss dieses sehr intensiven Workshops bildete das Filmscreening des Films Mechilot-Forgiveness (2006) unter Anwesenheit des Regisseurs Udi Aloni, israelisch-amerikanischer Filmemacher und Künstler. Ein Film, der über die traumatischen Auswirkungen der Shoah, der Nakbah und des israelisch-palästinensischen Konflikts für die in Israel lebenden Menschen und deren Lebensentwürfe erzählt.

Dieser Filmworkshop in Berlin hat gezeigt, dass das populäre Kino – wie ein fortwährendes Echo – gesellschaftspolitische Diskurse, kulturelle, soziale und nationale Gebilde aufnimmt und von der Leinwand zurückspiegelt. Dieses Mal lag die Konzentration und das Augenmerk der ausgewählten Filme und Vorträge auf dem Neuentwurf des „jüdischen“ Mannes – warum auch nicht?

Literaturtipp:
Omer Bartov (2005): The ‚Jew‘ in Cinema. From „The Golem“ to „Don’t touch my Holocaust“. Bloomington.

Filmtipps:
Al tigu li be’shoah – Don’t touch my Holocaust. IL 1994. R: Asher Tlalim Masa Alunkot – Paratroopers.IL 1976-1976. R: Judd Ne’eman
Mechilot – Forgiveness. USA/IL 2006. R: Udi Aloni

Leider sind beide Filme nicht auf dem deutschsprachigen Markt zu erhalten. Aber vielleicht fährt ja der ein oder die andere in der nächsten Zeit nach Israel…dann sollten diese Filme unbedingt im Einkaufskorb landen.

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