JÜDISCHE FEIERTAGE (3): TISCHA BEAW

Am Abend des 19. Juli beginnt dieses Jahr Tischa Beaw, der wichtigste Trauertag des jüdischen Jahres. Wörtlich heißt Tischa Beaw „9. Tag des Monats Av“. Am 9. Av 3830 (2. August 70 n.u.Z.) wurde der Tempel in Jerusalem zerstört – eine der großen Katastrophen der jüdischen Geschichte. In München erinnert ein monumentales Historiengemälde daran, wie die Tempelzerstörung zu antijüdischer Propaganda genutzt wurde.

Der Trauertag wird von einem Fasten begleitet, das am Vorabend des Trauertages beginnt und bis zu seinem Ende andauert. Aber nicht nur Essen und Trinken ist an diesem Tag für gesetzestreue Juden verboten, selbst das Studium der Tora, der Fünf Bücher Mose, ist nicht gestattet, weil es eine Freude ist, sie zu studieren. Aus der Synagoge wird an diesem Trauertag jedes schmückende Beiwerk entfernt oder verhängt. Beim Vorabend- wie auch beim Vormittagsgottesdienst werden die Klagelieder aus der Bibel vorgetragen. Dabei sitzen die Betenden auf dem Boden der Synagoge oder auf niederen Hockern. Nach dem Abendgebet endet der Trauer- und Fastentag.

Tischa Beaw ist auch ein guter Anlass, sich wieder einmal eines der großflächigsten Historiengemälde in der Neuen Pinakothekin München genauer anzusehen. In Saal XIII befindet sich Wilhelm von Kaulbachs 1841-1846 entstandene Monumentalwerk „Zerstörung Jerusalems“ , das die Zerstörung des Tempels und der Stadt Jerusalem als gegen die Juden gerichtetes „göttliches Strafgericht“ deutet und sich dabei einer großen Bandbreite antijüdischer und antisemitischer Klischees bedient.

Der Münchner Kunstpädagoge Albert Ottenbacher hat sich auf seiner Website aufschlußreich mit dem Bildprogramm dieses Historiengemäldes auseinandergesetzt. Im Mittelpunkt steht dabei die Figur des zum antijüdischen Zerrbild verstellten „Ewigen Juden“. Bereits im 19. Jahrhundert löste Kaulbachs Interpretation Ablehnung und Gegenreaktionen aus. Maurycy Gottlieb (1856-1879), polnisch-jüdischer Student an der Münchner Akademie, malte 1876 ein Selbstportrait als „Wandernder Jude“, das er ausdrücklich als Reaktion auf Kaulbachs Darstellung verstanden wissen wollte. Samuel Hirszenberg (1875-1907), aus Lodz stammender Student der Münchner Akademie, der nach seinem Studium auch in München tätig war, hat hier um 1898 sein Hauptwerk „Der Ewige Jude“ gemalt, das ebenfalls als Reaktion auf Kaulbach zu verstehen ist. Einen spannenden Aufsatz dazu hat Avraham Ronen vom Art History Department der Tel Aviv University geschrieben.

Auch wir werden uns demnächst mit Darstellungen des „Ewigen Juden“ durch Kaulbach und andere auseinandersetzen: In der von den Jüdischen Museen Berlin und Wien konzipierten Ausstellung „Typisch! Klischees von Juden und Anderen“ , die ab 6. Oktober im Jüdischen Museum München zu sehen sein wird.

Bild:
Kaulbach, die „Zerstörung Jerusalems“ malend.
Stahlstich, um 1850
Englische Kunstanstalt, Leipzig und Dresden
(Foto: Jüdisches Museum München)

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