„Das hier ist eine universale Geschichte über weibliche Selbstermächtigung“: Interview mit Regisseurin Paula Eiselt

Regisseurin Paula Eiselt

Drei Fragen zum Dokumentarfilm an Regisseurin Paula Eiselt („93Queen“)

Am 9. Mai 2019 fand auf dem DOK.fest die Deutschlandpremiere von “93Queen” statt. Der erste lange Dokumentarfilm von Regisseurin Paula Eiselt zeigt eine Gruppe chassidischer Frauen, die einen rein weiblichen Rettungsdienst gründen und dabei auf Misstrauen und Widerstand innerhalb der eigenen Gemeinschaft stoßen. Das Jüdische Museum München hatte die Gelegenheit, Paula Eiselt drei Fragen über ihren Film zu stellen.

JMM: Wie haben Sie von der Geschichte rund um den Rettungsdienst von “Ezras Nashim” [Women’s Help] erfahren und was hat Sie an dieser Geschichte fasziniert?

Paula Eiselt: Vor etwa sechs Jahren habe ich mir zum Spaß eine orthodoxe Website angesehen. Ich bin selber jüdisch-orthodox, deswegen weiß ich, wo es im Internet neue Quellen dazu gibt. Und da habe ich diese Geschichte von einer Gruppe chassidischer Frauen entdeckt, die einen rein weiblichen Rettungsdienst gründen möchten, weil der bereits existierende Dienst – Hatzolah [Rettung] – Frauen nicht erlaubt, beizutreten. Als ich das gelesen habe, haben mich zwei Dinge wirklich getroffen: Zum einen, dass Hatzolah keine Frauen in seinen Reihen zulässt. Ich bin selber in einer Gegend aufgewachsen, in der es Hatzolah gibt, und ich wäre niemals auf die Idee gekommen, dass Frauen dort ausgeschlossen sind. Deswegen war ich wirklich schockiert, als ich es herausgefunden habe. Und ich war enttäuscht, dass es mir bis dahin nicht bewusst gewesen ist.

Die zweite Sache, die mich beeindruckt hat, war, dass es da eine Gruppe chassidischer Frauen gab, die ein „Nein“ nicht akzeptieren. Dies ist üblicherweise nicht das Verhalten chassidischer Frauen und die Öffentlichkeit denkt auch nicht, dass chassidische Frauen so agieren. Am Ende des Artikels waren die Kontaktinformationen von Ruchie Freier. Also habe ich sie kontaktiert und wir haben uns bei ihr zu Hause in Brooklyn getroffen. Und das war wirklich der Anfang eines Prozesses, während dem ich Zugang zu dieser geschlossenen Gemeinschaft bekommen und ihr Vertrauen gewonnen habe.

JMM: Wie konnten Sie die Gruppe davon überzeugen, diesen Film zu machen? Wie haben Sie ihr Vertrauen gewonnen?

Paula Eiselt: Es gibt zwei Dinge, die Ruchie vermutlich überzeugt haben. Zunächst einmal bin ich orthodox. Zwar nicht chassidisch, aber orthodox. Ich kenne die Community sehr gut. In gewisser Weise bin ich eine Insiderin und ich wollte die Geschichte aus einer Innenperspektive und nicht aus einer Außenperspektive zeigen. Die Frauen erzählen in dem Film ihre eigene Geschichte. Und ich habe die Frauen auf eine sehr respektvolle Weise gefilmt.

Es gab noch eine zweite Sache, durch die ich Zugang zur Community bekommen habe: Ruchie lag es sehr am Herzen, der Welt eine andere Seite ihrer Gemeinschaft zu zeigen. Es gibt eine Menge und zwar meistens negative Stereotype über chassidische, streng orthodoxe Gemeinschaften. Und das war eine Chance, der Welt etwas Positives zu zeigen. Und ich setze mir ja auch das Ziel, in meiner filmischen Arbeit eine Plattform für Frauen zu sein, die unterrepräsentiert sind und ihnen eine Stimme zu geben. Ruchie und mir lag es wirklich sehr am Herzen, eine andere Seite der Community zu zeigen. Und so hat alles begonnen.

Wandel tritt sehr langsam ein und kommt von innen. Er tritt nicht ein, wenn jemand von außen kommt und sagt: „Ihr seid rückständig, ihr seid archaisch.“ Wandel vollzieht sich, wenn Menschen innerhalb einer Gemeinschaft verstehen, dass er notwendig ist. Und diese Menschen führen die Bemühungen an.

JMM: Ein großes Thema rund um den Film ist die Frage, inwiefern die porträtierten Frauen Feministinnen sind. Ruchie Freier grenzt sich im Film davon ab, als säkulare Feministin zu gelten.

Paula Eiselt: Feminismus ist nicht allgemeingültig. Das hier ist eine universale Geschichte über weibliche Selbstermächtigung – und die die gibt aus verschiedene Art und Weisen. So wie im Film sieht Feminismus in der chassidischen Gemeinschaft aus. Aber er sieht in Berlin oder München oder anderen Teilen der Erde ganz anders aus. Frauen kommen aus verschiedenen Orten und haben unterschiedliche Ziele. Aber alles passiert unter dem Dach weiblicher Selbstermächtigung. Ich hoffe, die Zuschauer_innen des Filmes sehen die Frauen letzten Endes als die Kämpferinnen, die sie wirklich sind. Die Tatsache, dass sie chassidisch sind, ist dabei nicht relevant. Es sind Frauen, die dort um Freiräume kämpfen, wo es keine für sie gibt.

Das Jüdische Museum München auf dem 34. DOK.fest: „Claude Lanzmann: Spectres of the Shoa“ von Adam Benzine aus dem Jahr 2015

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